Liebe User,
wie versprochen bekommt ihr natürlich auch einen Bericht zum Bad Sobernheimer Skoliose-Workshop.
Der Workshop fand in der Katharina-Schroth-Klinik in Bad Sobernheim statt. Der sichtlich nervöse Herr Schmitz, Geschäftsführer der AKSK, begrüßte die sehr zahlreich erschienenen (ca. 360) Gäste, bevor er das Wort an Dr. Steffan, Chefarzt der AKSK, übergab. Sehr zu unserer Freude wurden in der Begrüßung sogar neben Ärzten, PTs und Selbsthilfegruppen "die Patienten des Skoliose-Info-Forums" erwähnt. Danke, wir haben uns wirklich gefreut

Moderiert wurde die Veranstaltung von Axel Hennes.
Dr. Steffan referierte über das konservative Therapiemanagement der Skoliose und Hyperkyphose und berichtete über die zukünftige Zusammenarbeit der beiden Kliniken Bad Sobernheim und Bad Salzungen sowie dass man an einer neuen Klassifikation für die konservative Behandlung arbeitet. Er erklärte Formen und Ursachen von Wirbelsäulendeformitäten (Skoliose oder Hyperkyphose) und betonte, dass die Diagnosestellung unbedingt am unbekleideten Patienten erfolgen muss, Teilaufnahmen keine Alternative zu Wirbelsäulenganzaufnamen sind und Röntgenaufnahmen im Liegen absolut unbrauchbar sind. Dr. Steffan sagte weiterhin, dass Cobb-Winkel bei der Behandlung nicht alles sind und vielmehr das Lot und das Sagitalprofil von hoher Bedeutung sind. Er zeigte eine Tabelle (Alter/Gradzahl), die vor allem für niedergelassene Orthopäden entworfen wurde, um als grobe Richtlinie für die Korsettversorgung zu dienen. Nach wie vor ist die Entscheidung pro und contra Korsett-Therapie eine Einzelfallentscheidung, die von viel mehr Faktoren abhängt als nur Alter und Grad der Verkrümmung. Desweitern berichtete Dr. Steffan, dass in Sobernheim die Fotodokumentation wieder eingeführt wird

und demnächst in der Klinik ein Laser-Messgerät getestet werden soll, dass genauere Messergebnise liefern soll als das herkömmliche 3D-Verfahren.
Nach einer Kaffeepause, in der es auch viele leckere Snacks gab, folgte ein Vortrag von Dr. Niemeyer, WS-Chirurg in der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg. Dr. Niemeyer zeigte anhand von Beispielen Möglichkeiten und Ergebnisse der operativen Skoliose-Therapie. Er erklärte die verschiedenen OP-Methoden (dorsaler Zugang vs ventraler Zugang) und wann welche davon angewendet wird. Eine OP-Indikation liegt laut Dr. Niemeyer bei einer idiopathischen Skoliose größer 50° mit gleichzeitig nachgewiesener Progredienz vor. Bei Lähmungsskoliosen liegt die OP-Indikation bereits bei 20°, da hier die Sitzfähigkeit der Patienten erhalten bleiben soll. Die teils blutigen Bilder von Wirbelsäulen-OPs bestärkten manch einen anwesenden Patienten in seiner Meinung, sich nicht operieren lassen zu wollen

Dr. Niemeyer begrüßte die Zusammenarbeit mit Bad Sobernheim auch für operierte Patienten.
Es folgte ein Vortrag von Katja Schumann, ehem. Sobernheimer Schroth-Therapeutin und auch Userin in unserem Forum. Sie stellte ihr Unternehmen vor und zeigte, wie sie das Schroth-Konzept in der ambulanten Therapie umsetzt. Ihre Patienten werden in Kleingruppen aufgeteilt, starten in einer Anfängergruppe und können dann Folgekurse belegen. Jede Therapie beginnt mit einem einstündigen Gespräch mit Sichtung der Röntgenbilder, Bestimmung des Skoliometerwertes und Besprechung von Korsett-Qualität und -Tragezeiten. Katja behandelt Patienten im Alter von 3 bis >70 Jahre und kann bisher große Erfolge in der ambulanten Therapie verzeichnen, meßbar u.a. am Skoliometerwert und anhand von Fotodokumentationen. Da Katja Sportwissenschaftlerin und keine ausgebildete Physiotherapeutin ist, erfolgt die Abrechnung leider ausschließlich auf privater Basis.
Den letzte Beitrag am Vormittag hielt Frau Bauknecht, niedergelassene Physiotherapeutin aus Regensburg. Unter dem Motto "Skoliose Therapie einmal anders!" zeigte sie u.a. wie man Schroth-Übungen in den Alltag integrieren kann. Ein selbst ernanntes "Highlight" ihrer Therapie ist ein Skoliosetanz, in den alle möglichen Schrothübungen und -bewegungen eingebaut sind. An sich eine tolle Sache für junge Mädels, die keine Lust auf immer die gleichen langweiligen Übungen haben, aber meiner Meinung nach teils auch etwas grenzwertig. Frau Bauknecht hat z.b. in ihren Tanz den Muskelzylinder eingebaut, den die Mädels innerhalb 30 Sekunden dreimal ausführten, was ich persönlich nicht sinnvoll finde, wenn man bedenkt, dass auch ein geübter Schrothianer bei dieser Übung schon fast ne halbe Minuten braucht, bis alle Korrekturen richtig ausgeführt sind. Auf ein Gespräch im Anschluß an den Vortrag ging sie leider nicht ein und faßte meine Kritik wohl als persönlichen Angriff auf-
sehr schade!
Nach einer ausgedehnten Mittagspause mit leckerem Essen begann der Nachmittag mit einem Vortrag von Udo Rövenich über "die klinische Messung der Oberflächenrotation bei Skoliose mit dem Skoliometer nach Bunnell". Herr Rövenich sagte, dass ein Skoliometerwert von 5° in etwa 11° nach Cobb entsprechen und Anlass zur weiteren Untersuchung gibt, ob eine strukturelle Skoliose vorliegt. Er erklärte Unterschiede sowie Vor- und Nachteile verschiedener Skoliometer, vor allem dem "normalen" und dem neu entwickelten digitalen Skoliometer. Herr Rövenich erklärte, dass ein Skoliometer nicht nur zur Bestimmung des Skoliometerwertes sondern auch zur Vermessung der Cobb-Winkel am Röntgenbild geeignet ist- hierzu legt man das Skoliometer an den jeweils am meisten gekippten Wirbel an und addiert die beiden Winkel. Das herkömmliche Skoliometer hat seine Grenze bei einem Neigungswinkel von 30°, daher können nicht alle Röntgenbilder damit vermessen werden. Weiterhin zeigte Herr Rövenich die Ergebnisse eines Vergleichs der Messung im Stehen (Adams-Vorneige-Test), im Sitzen und in Bauchlage. Eine Studie in der Klinik brachte ähnliche Ergebnisse im Sitzen und Stehen, daher ist es zu empfehlen, bei Schmerzpatienten oder unruhigen Kleinkindern die Untersuchung im Sitzen durchzuführen.
Es folgte der Beitrag "Konzeption und Primärkorrektur des modifizierten Cheneau-Korsetts" von Dr. Wilke, Kinderorthopäde und Klaus Nahr, Orthopädiemechaniker-Meister. Dr. Wilke zeigte einen Vergleich von früheren Korsettkorrekturen im Vergleich zu heute möglichen. Er betonte die Wichtigkeit der Primärkorrektur im Korsett nach sechs bis acht Wochen Tragezeit und appellierte an die niedergelassenen Orthopäden, solche Ergebnisse von ihren OTs auch zu fordern. Wenn Änderungen am Korsett nötig sind, sollten diese unbedingt vor dem Kontrollröntgen vorgenommen werden, ebenso die Aufpellottierung. Die Pelotten müssen für die Röntgenaufnahme unbedingt markiert werden, ohne eine solche Markierung ist ein Kontrollröntgen sinnlos und es muss dann nochmal geröngt werden, was natürlich vermieden werden soll. Er stellte eine neue Korsett-Bauweise vor, bei der sehr viel Wert auf die Streckung der schwachen Seite gelegt wird (siehe auch Niesemums Korsett) und erklärte dass man eine größtmögliche Streckung erzielen möchte und daher das Korsett erst bei der ersten Kontrolle nach sechs bis acht Wochen ändert oder kürzt. Eine -wie ich finde- sehr wichtige Aussage von Dr. Wilke war, dass das von Chirurgen beliebte Argument möglichst frühzeitig zu operieren keine Gültigkeit mehr hat und verwies dabei auf Dr. Niemeyer, der selber berichtet hat, auch noch 60-jährige (Alters)Skoliosen erfolgreich zu operieren.
Herr Nahr erklärte die Unterschiede von seinem neuen dynamischen Korsett zur "veralteten" statischen Variante. Seine Korsette wirken am besten, wenn das Kind/der Jugendliche in Bewegung ist. Neben der Korrektur des Röntgenbildes ist es ihm sehr wichtig, seine Patienten zurück ins Lot zu bringen und so das äußere Erscheinungsbild zu verändern/verbessern. Die empfohlene Korsett-Tragezeit liegt (in Einklang mit Dr. Steffan) bei lediglich 16-18 Stunden, Herr Nahr empfiehlt den Kids, das Korsett während der Schulzeit nicht zu tragen, da man dort sowieso nur sitzt, dafür dort aber die Schroth-Korrekturen in alle möglichen Bewegungen (z.b. das Aufzeigen im Unterricht) einzubauen. Laut Herr Nahr ist es egal, wer ein Korsett baut, hauptsache, es erzielt die notwendige Korrektur und ist für den Patienten die vorgegebene Zeit tragbar. Auch bei ausgewachsenen Jugendlichen sollte durch eine Korsett-Therapie versucht werden, eine OP zu vermeiden und (Zitat) "wenn das in nur einem Fall gelingt, dann haben wir alles richtig gemacht".
Der letzte Beitrag des Workshops kam von Frau Rutschke, die in Zusammenarbeit mit Frau Többen und Katja Schumann einen Fragebogen entworfen hat, der sich mit dem Thema "Schwangerschaft mit Skoliose" beschäftigt. In diesem Fragebogen ging es um Ängste, Sorgen und Wünsche von skoliotischen Frauen mit Kindern oder Kinderwunsch. Frau Rutschke las vor, was die befragten Frauen in ihrem Fragebogen geantwortet hatten. Man konnte raushören, dass manche Frauen eine problemlose und schmerzfreie Schwangerschaft hatten, andere dagegen massive Schmerzen hatten. Ich vermute, man hätte kein anderes Ergebnis bekommen, wenn man Frauen ohne Skoliose befragt hätte. Die Frage aus dem Publikum, ob man Kinder erst ab 30 bekommen sollte, verneinte Dr. Steffan.
Ich hoffe, dass ich euch damit einen kleinen Einblick in den Workshop geben konnte (danke minimine für deine Ergänzungen!). Schade und etwas unglücklich fand ich, dass Herr Hennes die Fragerunden im Anschluß an die Beiträge fast immer beendete, obwohl noch offene Fragen waren, was aber daran lag, dass er sehr darauf bedacht war, den vorgegebenen Zeitplan einzuhalten. Alles in allem war es ein sehr gelungener, sehr gut organisierter und höchst informativer Tag. Wir freuen uns auf eine Einladung zu "50 Jahre Schroth in Bad Sobernheim" im nächsten Jahr.
Unser persönliches Forumsfazit ist, dass doch alles gar nicht so falsch ist, was wir den Usern hier tagtäglich schreiben
Herzliche Grüße,
sloopy