Hallo an alle,
Ich möchte in diesem Beitrag noch ein paar Abschließende Dinge zur Diskussion zur Kopfgelenkstherapie schreiben. Leider ging’s aus verschiedenen Gründen nicht früher. Der erste Teil des Beitrags enthält eine direkte Antwort an Doremifasol. Der zweite eine Auseinandersetzung mit Doremifasols Daten bezüglich der erhöhten Kopfbeweglichkeit. Dabei gehe ich auf Doremifasols Aussage ein, dass die erhöhte Kopfbeweglichkeit , die er gefunden hat, nicht erklärt werden kann durch andere Effekte als die der Muskelumlagerung. Dieser Teil ist sicher von allgemeinem Interesse.
Zuerst @ Doremifasol, falls du hier noch mitliest
Ich unterstelle dir nicht, dass du die Absicht hast anderen Menschen Geld aus der Tasche zu ziehen. Das kann ich nicht beurteilen, ich kenne deine Motivation ja nicht. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass du davon überzeugt bist, dass deine Therapie besser ist als eine Placebo Behandlung und du Menschen helfen willst.
Allerdings stellst du Thesen über den Wirkmechanismus und über den spezifischen Behandlungseffekt auf, die empirisch ungenügend unterbaut und logisch nicht schlüssig sind. Dies habe ich ausführlich dargestellt.
Ich hatte mir erhofft, dass du inhaltlich auf meinen Beitrag reagieren würdest, schließlich hast du einen akademischen Diskurs angeregt. Aber statt dessen sahst du plötzlich Tintenfische. Das finde ich schade. Ich nehme mal an, die Ursache liegt darin, dass du dich durch meinen Beitrag angegriffen gefühlt hast und nur meinen Letzten Satz gelesen hast. Solltest du aber meinen Beitrag wirklich nicht inhaltlich verstanden haben, so solltest du noch mal darüber nachdenken wie du deine Methode denn dann wissenschaftlich etablieren möchtest. Du kannst nämlich davon ausgehen, dass du von jedem methodologisch einigermaßen versierten Epidemiologen oder Mediziner ähnliche Kritiken zu hören bekommst.
Es freut mich daher um so mehr, dass du im weiteren Verlauf einen Kritikpunkt aufgegriffen hast und ein paar Daten geliefert hast.
@ alle
Zur Erinnerung: Ein Diskussionspunkt war, ob die gemessenen Erhöhung der Kopfbewegung durch einen anderen Effekt als den der "Muskelumlagerung" erklärt werden kann. Also zum Beispiel durch den natürlichen Verlauf, durch eine allgemeine Entspannung, durch die Massageelemente, durch die Erwartungshaltung des Patienten oder durch einen systematischen Messfehler.
Doremifasol verweist auf die von ihm erhobenen Daten, aus denen ersichtlich ist, dass in der erfassten Stichprobe die gemessene Kopfbewegung direkt nach der Behandlung, sowie zwei Wochen nach der Behandlung um ca 10 % höher war im Vergleich zu vor der Behandlung (ich hoffe ich habe das korrekt wiedergegeben).
Soweit so gut. Im Hinblick auf die Ursache der veränderten Messwerte nach der Intervention behauptet Doremifasol:
“Es ist vollkommen unmöglich, solch hohe Drehwinkelzuwächse und Symmetrisierung derselben durch die zitierten unspezifischen Maßnahmen zu erlangen, die sind charakteristisch für die Digastricus-Muskelumlagerung, die sofort einsetzende Besserung der Befindlichkeit auch”
Da stellt sich nun die Frage: Woher weis Doremifasol das? Auf welchen Quellen basierst er diese sehr weit reichende Behauptung? Hat er den Einfluss von anderen unspezifischen Maßnahmen (Glauben, Entspannung, etc.) auf die Kopfbeweglichkeit schon untersucht?
Zum Glück haben andere Wissenschaftler dies getan. Kopfbeweglichkeit ist nämlich eine oft gemessene abhängige Variable in Studien, die den Effekt von verschiedenen Nackenbehandlungen untersuchen. In einer randomisierten Studie der Universität München, (deren Zusammenfassung am Ende diese Posts nachzulesen ist) wurde die Beweglichkeitszunahme des Kopfes nach drei verschiedenen Behandlungen gemessen. Akupunktur, Massage und Schein-Laserakupunktur (d.h. Behandlung mit einem AUSGESCHALTETEN Laser).
Für diese Diskussion von Belang ist, dass eine deutlich höhere Kopfbeweglichkeit auch nach einer unspezifischen Schein-Behandlung mit einem Laser gemessen wurde. Weiterhin war die Bewegungszunahme nach der Schein-Laserbehandlung ungefähr gleich groß wie nach der Akupunktur und größer als nach der Massage. Kopfbewegung ist also durchaus beeinflussbar durch unspezifische Maßnahmen, in diesem Fall vielleicht war vielleicht der Glauben der Patienten wichtig. Dies ist auch nicht überraschend, schließlich hängt die Kopfbeweglichkeit ab von der Muskelansteuerung ab und diese wird wiederum vom Gehirn beeinflusst.
Weiterhin argumentiert Doremifasol, dass die
sofortige und zeitgleiche Besserung der Befindlichkeit nach der Behandlung nur durch die Muskelumlagerung zu erklären sei. Dieses Argument scheint mir nicht schlüssig. Bei Massage oder durch ermutigende Worte ändert sich die Befindlichkeit schließlich auch sofort und zeitgleich mit der Behandlung.
Ich halte es also für sehr wahrscheinlich, dass Kopfbeweglichkeit eine Variable ist, die durch unspezifische Maßnahmen (wie die Erwartungshaltung des Behandlers , der Glauben des Patienten, eine entspannende Atmosphäre, etc) deutlich zu beeinflussen ist.
Wenn Doremifalsol nun zeigen will, dass seine Behandlung einen spezifischen Effekt hat, so wird er nicht darum herum kommen eine placebokontrolliertes Experiment mit Randomisierung durchzuführen, um so zu sehen ob die Kopfgelenkbehandlung einen größeren Effekt hat als eine Placebobehandlung (das heisst als eine Behandlung ohne den postulierten Wirkmechanismus). Die Placebobehandlung könnte zum Beispiel darin bestehen, dass die Patienten die gleiche Erklärung und Behandlung bekommen, mit dem einzigen Unterschied dass die Vibration an eine andere Stelle des Nackens angesetzt wird (oder dass das Gerät ausgeschaltet ist) und der Kopf dabei nicht gedreht wird. Dabei sollte Doremifasol auch daran denken, dass die Kopfbewegung von jemandem gemessen wir, der nicht weis ob die entsprechende Person eine Placebobehandlung oder die Kopfgelenksbehandlung bekommen hat. Dies um unbewuste Verfälschung der Messung durch die Erwartung der messenden Person auszuschließen. Wahrscheinlich gibt es auch präzisere und weniger fehleranfällige Messmethoden als die von Doremifasol angewendete neutral null Methode, dies ist jedoch nicht mein Wissensgebiet.
Auch warte ich noch auf die Daten, die mithilfe anatomischer Präparate oder mithilfe geeigneter Bildgebender verfahren zeigen, dass der Muskel bei den meisten Menschen tatsächlich asymmetrisch verläuft und durch die Behandlung verlagert werden kann. Dies ist nämlich der zentrale Baustein der Theorie Doremifasols, den er noch nicht nachgewiesen hat.
Sofern Doremifasol keine der obengenannten Studien anfertigt, oder zumindest logisch und methodologisch schlüssig begründet warum diese Studien nicht nötig sind, solange bin ich mir ziemlich sicher dass die Effekte der Kopfgelenkstherapie erklärt werden können durch Dinge wie die Erwartung des Patienten und die Massage. Weiterhin nehme ich an, dass die behauptet Muskelasymetrie nicht existent ist, da Doremifasol keine Daten liefert die diese belegen. Sollte Doremifasol mit besseren Daten kommen so werde ich meine Meinung mit Freuden ändern.
Hier ist die Zusammenfassung der obengenannten Studie:
Studienziel: Ziel der Studie war, Wirkungen der Akupunktur auf die aktive Beweglichkeit der HWS beim chronischen HWS-Syndrom im Vergleich zur Massage als konventionellem Therapieverfahren und zu einer Scheintherapie zu untersuchen. Material und Methode: 177 Patienten mit einem chronischen HWS-Syndrom wurden in diese prospektive, randomisierte, plazebokontrollierte Therapiestudie an zwei Universitätskliniken aufgenommen. Die Studie wurde durch die Ethikkomissionen genehmigt. Die Patienten wurden durch externe Randomisation in die drei Therapiearme Akupunktur, Massage und Schein-Laserakupunktur mit je 5 Therapieeinheiten eingeteilt. Die Erhebung der HWS-Beweglichkeit erfolgte durch ein ultraschallgestütztes 3D-Messsystem zu 5 Messzeitpunkten. Ergebnisse: In der Gesamtbeweglichkeit, berechnet als Score, zeigte sich eine signifikante Überlegenheit der Akupunktur unmittelbar (p = 0,03) bzw. eine Woche (p = 0,03) nach Therapie gegenüber der Massage. Im Vergleich zur Schein-Laserakupunktur berechnete sich kein signifikanter Unterschied (p = 0,38 bzw. p = 0,12). In der Analyse der drei Bewegungsebenen zeigte sich eine Woche nach Behandlung die größte Bewegungszunahme nach Akupunktur. Schlussfolgerung: Die vorgelegten Studienergebnisse zeigen eine verbesserte aktive Beweglichkeit nach Akupunktur im Vergleich zur Massage bei Patienten mit einem chronischen HWS-Syndrom (non-specific neck pain). Angesichts dieser positiven Hinweise, den nur geringen Nebenwirkungen der Akupunktur und der hohen Patientenakzeptanz, kann die Akupunktur als Therapieverfahren in der Behandlung von Patienten mit chronischen HWS-Beschwerden empfohlen werden, obwohl sich die Ergebnisse der Verumakupunktur nicht signifikant von denen der Scheinakupunktur unterschieden.
Die deutsche Zusammenfassung kann hier gelesen werden:
https://www.thieme-connect.com/DOI/DOI? ... 2003-41566
Die gesamte Studie kann hier auf englisch gelesen werden, da kann man auch sehen wie stark die Beweglichkeit erhoeht wurde:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC33515/
Viele Gruesse und frohe Festtage
David