Hallo Martin
Es ist TEILWEISE durchaus möglich und sollte meiner Ansicht nach auch das langfristige Ziel sein, irgendwann.... auch als Erwachsener das Korsett abschulen zu können.
Man muss zuerst die Aufgabe definieren, die das Korsett hat.
1. Schmerzmittel.
Es ist bei einigen sehr verblüffend. Meine Frau gehört da zu dieser Gruppe. Sie hat NICHT (wie ich) den Ehrgeiz gerade werden zu wollen. Es genügt ihr völlig, bei Rückenschmerzen und bei bestimmten stark Rückenschmerz verursachenden Arbeiten (z.B. Bügeln) das Korsi stundenweise zu tragen um weitgehend schmerzfrei zu sein. Für Sie hat das Korsett mit der Schmerzfreiheit das "Plansoll" erfüllt.
Ab "schmerzfrei" ist bei Einigen dann auch die Motivation dahin, sich weiter mit dem Plastikdessous zu plagen. (stimmts Mohnblühmchen???)
Ist aber nicht schlimm, eines der wichtigsten iele des Adult-bracing ist ja damit schon erreicht. Das ist ja auch nach Ansicht der meisten Orthopäden wenn überhaupt, die EINZIGE Berechtigung überhaupt für ein Korsett im Erwachsenenalter.
2. Die nächste Stufe nach schmerzfrei ist
AUFRECHT & Schmerzfrei.
Die Voraussetzung dafür ist es, seine Haltung erst mal zu verbessern. Dazu muss systematisch alles Verkürzte aufgedehnt werden.
Überdehntes und Schlaffes soll sich verkürzen.
Das ist ein Aufgabe, die ein gutes Korsett erfüllen kann. Das Korsett sollte in dieser Phase durch möglichst hohe Tragezeiten das ganze Haltungs- und Körpergefühl total umprogrammieren.
Das war bei mir so der Fall.
Ich fühle mich gar nicht mehr wohl, wenn ich in mein altes "Scheuermann"-Haltungsmuster zurückfalle und spüre nun auch ohne Korsett SOFORT, daß das mir gar nicht gut tut.
Gegen die Verkürzungen und inneren Verspannungen, gegen die muskulären Dysbalancen kann ein Kyphose/Scheuermann-Patient aus eigener Muskelkraft nur sehr schwer und immer nur sehr kurzfristig ankommen (wenn überhaupt!), besonders wenn er in der Fehlstatik fixiert ist.
Diese Fixierung zu "knacken" ist eine wesentliche Aufgabe des Korsettes.
Das geht bei Kyphosen, je nach Grad der Fixierung sehr langsam.
Ich habe mal Rahmouni massiv dazu aufgefordert mir eine wesentlich stärkere Kyphosenpelotte hinten ins Korsett reinzukleben, da ich in meiner besonders ehrgeizigen Phase schneller vorankommen wollte. Grinsend ging Meister Amor mit meinem Korsi in die Werkstatt und brachte es nach 20 Minuten zurück. Er hatte irgend ein miggriges Pölsterchen von 5 bis 7 mm draufgeklebt und ich war brutal enttäuscht. Kannte ich doch die gewaltigen "Anti-Paket-Monster-Pelotten", die die Skoliose-Kolleginnen zur Derotation in ihren Korsetten ertragen müssen. Als ich aber mein Korsi wie gewohnt anziehen wollte blieb mir die Luft im Hals stecken und schon nach wenigen Minuten stellte sich am Kyphosenscheitel ein unerträglich stechender Schmerz ein. Kleinlaut gab ich das Korsi zum sofortigen Abschleifen der Minipelotte zurück und Meister Amor ging wieder grinsend damit in die Werkstätte. Soviel zu Ehrgeiz und Pelottendruck bei Kyphosen!
Die Pelottendruck-Dosierung scheint bei Kyphosen ein wesentlich heikleres Thema zu sein, die Grenze zwischen optimaler Korrektur und absolut unerträglich scheinen (zumindest war das so bei mir) nur wenige mm zu sein.
Um wieviel schwieriger ist das dann bei einer Orthese zu sein, die statt geklebter Schaumstoffpelotten mit hartem starrem Plexiglas die Korrekturkräfte in den Körper einleitet?
Ich glaube, die TüKO ist in dieser Hinsicht noch viel-viel anspruchsvoller als eine RahKO.
Ich habe mal bei Skoliose-Aktiv e.V. einen ca. 28 Jahre alten TüKO-User kennengelernt. Er hatte zufällig ungefähr meine Figur, Kyphose-Winkel, Gewicht und Körpergröße. Er hatte die Version zum selbst an- und ablegen (nicht fest verschraubt wie Gerhard). Wir haben in einer Kabine von Rahmouni die Korsette versuchsweise für einige Minuten getauscht.
Er lief rot und blau an, japste nach Luft und ich spürte sein lästiges Plexiglasgestell nicht mal richtig. Darin hätte ich einen orientalischen Bauchtanz machen können.
Er wurde damals von Gerhard zur TüKO überredet und war total enttäuscht. Er hatte (Primärkorr.-Röntgen bei Dr. Hoffmann) kaum Korrektur der Kyphose und Hyperlordose, er konnte im Korsett mit dem Becken Hulla-Hupp-tanzen, die beckenfassun und Beckenkorr. 1 und 2 nach Schroth war gleich NULL, der untere vordere Brustkorb stand steil und auffallend im TüKO vor.
Er war damals 5 mal bei Herrn Lukas zu Nachbesserungen und Änderungen, was leider nicht gelungen war, bezw. Herr Lukas verweigert hatte.
Der Patient war von der TüKO total enttäuscht und er wollte dringend auf eine RahKO umsteigen, was aber seine KK nicht mitmachte, trotz Gutachten von Dr. Hoffmann.
Auch für mich war die TüKO nicht zuletzt durch die Berichte und Erfolge von Gerhard "meine Traumorthese". Nach dem ich aber einige Minuten das Ding angehabt habe, glaube ich es dem TüKO-Patienten, daß das nur lästig, aber nicht wirksam ist. Die RöBis von Dr. Hoffmann mit fast völlig fehlender Primärkorrektur bewiesen das ja auch.
Der bisher einzige zufriedene TüKO-User von dem ich weis, ist Gerhard, der nach MKO ( Müsteraner -Kyph-Orth.) RahKO in der versiegelten Dauertrage-TüKO SEINE Optimalorthese gefunden hatte.
Aber Gerhard hatte KEINEN vorstehenden Brustkorb und so viel ich weis, keine Kyphose über 60°.
Ich glaube auch, daß er durch zuerst die MKO und dann die Zeit im RahKO optimal aufgebogen, vorbereitet und im Korsett-tragen eintrainiert und damit optimal für die TüKO verbreitet war. Und doch waren die ersten Tage und Nächte im TüKO sehr sehr hart (im wahrsten Sinne des Wortes!) für ihn.
Er sagt, daß sich sogar bei ihm als Erwachsener die Keilwirbel etwas zurückgebildet hätten und er jetzt auch ohne Korsett aufrecht und kyphosefrei wäre (hab ihn nicht mehr gesehen, nur mal telefoniert.)
Er hat sehr schnell (einfach aufgeschraubt und abgelegt) abgeschult und nach seinen eigenen Aussagen nichts an der erreichten Korrektur/Aufrichtung verloren.
3. Phase: das Korsett nur noch als Trainingsgerät zur Erhaltung der Korrektur.
Das Korsett kann durchaus ein aktives Trainingsgerät sein, das zu ständiger Selbstkorrektur, Räkelung, aktiver Aufrichtung, Streckung, Reklination annimiert oder sogar wie mein Milwaukee dazu ZWINGT. Nach einer Stunde Milwaukee fühl ich mich (fast) ebenso, wie nach 2 bis 3 Stunden Power-Schroth. Und das nur mal so nebenbei, ich trage das Ding, wenn ich Hausarbeit (spülen, Wäsche aufhängen, staubsaugen usw...) mache.
Ich selber halte die TüKO immer noch, trotz einiger eher negativer und kritischer Erfahrungen Anderer für eine "Traumorthese". Ich bin am überlegen, ob das eventuell meine nächste Orthese wird, sofern mir die KK nochmal eine genehmigt. Bisher kann ich noch nicht mitreden, da ich keine eigene Erfahrung mit der TüKO habe. (im Gegensatz zu Taylor, Boston, Gipskorsett und Milwaukee)
Als ich damals (vor fast 3 Jahren) eine TüKO (auf Empfehlung von Gerhard wollte, habe ich NULL Informationen von NUSSER & SCHAAL erhalten. Sie waren damals richtig unhöflich am Telefon, konnten und wollten mir keinen Arzt nennen, der das Ding verschreibt, waren alles andere als entgegenkommend.
Rahmouni war da das völlige Gegenteil, schon im 1. Kundenkontakt.
Entscheidend für den Erfolg der Korsett-Therapie:
Es ist ebenso wichtig zum Korsett fleißig und mit hoher Compliance zu schrothen!!!
Nur wenn die autochtonen Muskeln zur Selbstreklination und zur Streckung und Aufrichtung des Körpers entsprechend mit gestärkt werden, wenn eine echtes "Muskelkorsett" entsteht, das die Wirbelsäule ebenso "mühelos" in der Optimalform hält wie ein gutes RahKO oder TüKO ( auch Nahr oder Becker(Lübeck) bauen sehr gute Anti-Kyphosen-Orthesen. Offensichtlich ist auch jemand in Bad Sobernheim dazu in der Lage, nur wissen wir nicht wirklich, wer denn das Anti-Kypho Korsett gemacht hat, nach dem der jungen Dame der falsche "Beipackzettel" einer Ortholutions-RSO für ein Kyphosenkorsett ausgehändigt wurde...?

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dann ist eine Phase erreicht, in der man/frau das Korsett auch immer länger weglassen kann und versuchen kann selbst die Optimal-Haltung zu bewahren.
Dann dient das Korsett wieder wie in Phase 1: Schmerzmittel oder in Phase 3 als Trainingsgerät.
Für uns Kyphosen ist es auch als "Schlaf-Hilfe wichtig, daß wir nachts nicht wieder unterbewusst in Seitenlage einkringeln.
Wenn man wieder anfängt Schmerzen zu bekommen oder die Haltung nicht mehr schmerzfrei ohne zu verkrampfen aufrecht halten kann.
Ich habe nun schon 2 mal für über 10 Tage das Korsett für einem Paddelurlaub und für einen Bergwanderurlaub abgelegt. Ohne Nachteile ohne Schmerzen und ohne wesentliche Korrekturverluste.
Ich bin deshalb hochzufrieden, mit dem was ich erreicht habe und weiß, daß ich NICHT vom Korsett abhängig geworden bin.
Ich bin aber sehr froh ich für diesen Weg entschieden zu haben und dieses für mich ideale Hilfs- und Heilmittel jederzeit zur Verfügung zu haben.
Gruß Toni.