Hallo Behibak,
Behibak hat geschrieben:Zu dem Argument, es verschlechtert sich. Fällt denn ein normaler Rücken nicht auch von zeit zu zeit dem Verschleiß zum Opfer? Ich meine, es heißt doch nicht umsonst, Deutschlands Nr.1 Leiden ist der Rücken.
schon, aber das passiert zusätzlich. "Üblicherweise" tritt sowas eher später ein. Die meisten - sagen wir mal - Jugendlichen, jungen Erwachsenen haben keine eingeschränkte Atemfunktion, Schmerzen beim Sitzen, andauernd Blockaden, Bandscheibenvorfälle..., sofern sie nicht gerade jede Bewegung meiden. Jemand, der mit 10 Jahren und vielleicht um die 30 Grad Cobb "anfängt", hat eine hohe Wahrscheinlichkeit, unbehandelt diesen schlechteren Gesundheitszustand im jungen Erwachsenenalter zu erreichen. Wenn man das durch eine Behandlung mit z.B. Korsett, oder wenn nötig OP, vermeiden kann...
Andere "übliche" Rückenprobleme sind eher altersbedingtem Verschleiß, mangelnder Ergonomie (falsche Arbeitshaltungen, schweres Heben), Übergewicht, wenig Sport etc. geschuldet. Skoliose, Hyperkyphose, Blockwirbel und so weiter haben da eine ganz andere Ursache, und sind auch nicht durch "kauf' dir mal einen vernünftigen Stuhl, mach' Sport und bewege dich öfter" behebbar.
Ein Beispiel aus eigener Erfahrung: Ich hatte mit 13 Jahren eine Lungenkapazität von ungefähr 60 Prozent des alterstypischen Werts. Damit war ich kurzatmiger, mich strengte vieles an - obwohl ich Atemübungen machte, mich normal bewegte (kein Couchpotatoe), Physiotherapie betrieb und gertenschlank war. Die Skoliose schränkte die Lunge einfach so ein. Für mich hatte das Krankheitswert!
Aber, wenn sie im Erwachsenenalter weiterhin besteht - gut, geh ich zum Physiotherapeuten bzw. Therapie! Aber das tun "gerade Rücken" doch auch?
... aber nicht so oft und langanhaltend. Bei vielen ansonsten gesunden Erwachsenen ist Physiotherapie eine temporäre Sache, z.B. nach einem Sportunfall, oder bei unpassender Lebensführung (Beruf, der doch zu anstrengend ist, mangelnde Ergonomie, Verspannungen aufgrund von Stress...). Dass die meisten Erwachsenen
mal kurzzeitig Physiotherapie haben, das habe ich in meinem Umfeld auch so erlebt: eben der Sportunfall, die heftigen Verspannungen aufgrund von Stress während der Prüfungsphase...
"Gesunde" junge Erwachsene mit Physiotherapie-Dauerverordnung, die auch über Jahre hinweg möglichst täglich ihre Übungen machen sollten, habe ich jedoch noch nicht erlebt. Bei Skoliosepatienten ist das aber die Regel. Eine Orthese zur Schmerzvermeidung zu tragen, ist bei einigen erwachsenen Skoliosepatienten der Fall, und nun auch nichts, das allgemein weit verbreitet ist. Von Menschen ohne Skoliose oder Hyperkyphose kenne ich sowas ansonsten nur zeitweise nach Sportverletzungen/Unfällen, nicht als tagtäglich getragenes Hartplastikkorsett.
Ich kann mich und will mich ungern als "Kranke" sehen! Krankheit ist mit Genesung verbunden! Eine Krankheit die keine Chance zur Genesung hat, darauf folgt für mich in unabsehbarer Zeit der Tod!
Eine Skoliose ist für mich daher keine Krankheit... denn daran verstirbt man nicht.
Ihr seht ich versuche mir die Skoliose als Abweichung von der Norm vorzustellen, und nur als das.
Skoliose ist mit Genesung bzw. Verbesserung verbunden.
An einer Erkrankung, die nicht (völlig) geheilt werden kann, stirbt man nicht zwangsläufig. Manch eine Erkrankung kann einen, gut behandelt, durch ein langes, aktives Leben begleiten.
Über die Krankheit definieren möchte ich auch nicht. Für mich bin ich einfach Raven, die unter vielen Eigenschaften eben
auch Skoliose hat (so wie sie z.B. auch eine Brille hat und relativ klein ist). Für mich dominiert das auch nicht den Alltag, und ich bin einfach nicht die "arme Kranke". Oft genug habe ich schon gesagt, dass das in der Situation echt nicht der Rede wert ist, und ich mich schon melde, falls ich Hilfe brauche. Wenn mir, gerade als Kind und Jugendliche, jemand "Mitleidsbonus" geben wollte, oder auch das irgendwo lobend hervorgehoben wurde, dass ich dieses und jenes "trotz Krankheit" gemacht hätte ("wir gratulieren ihr für ihr Engagement in der Schulgemeinschaft, das sie trotz schwerer Krankheit leistete" --> ach du liebe Güte, ich hab' doch nicht Krebs! geht doch die Sache mal lockerer an!), wie war mir das unangenehm!
Krankheit sehe ich persönlich aber nicht erst dort, wo man daran versterben würde, sondern bereits dort, wo Beschwerden vorliegen. Ansonsten wären auch z.B. ein Bandscheibenvorfall, eine Mittelohrentzündung (gut, wenn es ganz blöd läuft, könnte man an so einer Infektion versterben), Paradontitis mit Zahnverlust mit 25, Fußfehlstellungen mit massiver Erschwernis des Gehens, fortschreitender Sehverlust mit Prognose "Erblindung"... auch in jungen Jahren keine Krankheiten und Behinderungen, weil man daran nicht verstirbt, und einen vieles davon im sehr hohen Alter fast zwangsläufig ereilen würde.
Natürlich geht jeder anders damit um. Ich möchte niemanden mit meiner Ansicht beleidigen oder zu Nahe kommen.
Beleidigt fühle ich mich damit auch nicht. Wie ich geschrieben hatte, ich gehe damit recht locker um, und für mich gehören Normabweichungen zum Leben dazu. Eine Krankheit beginnt für mich dort, wo es funktional einschränkt und Behandlung bedarf, was meines Erachtens bei einer Skoliose gegeben ist.
Viele Grüße
Raven