Chirurgisch dominierte Orthopädenausbildung?
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Dr. Trobisch
- Arzt / Ärztin

- Beiträge: 74
- Registriert: Sa, 02.01.2010 - 03:55
Chirurgisch dominierte Orthopädenausbildung?
Es wird des öfteren von einigen Forumsmitgliedern bemängelt, dass die Ausbildung zum Orthopäden in Deutschland sehr chirurgisch dominiert ist, und dass Orthopäden, die Schroththerapie nicht akzeptieren Ignoranten sind, da sie die angeblich eindeutige Datenlagen wissentlich nicht berücksichtigen.
Da, wie ich ja bereits beim 10-jährigen SIF Treffen angemahnt habe, dieses Forum eine sehr wichtige und notwendige Plattform bildet, aber auch viel Verantwortung hat und auf objektiven Informationsaustausch achten sollte, hier ein kurzer Beitrag von mir.
In einigen Wochen/Monaten wird im European Spine Journal eine unabhängige wissenschaftliche Arbeit zu Physiotherapie (einschl. Schroth) publiziert. Das European Spine Journal ist eines der wichtigsten und qualitativ angesehensten orthopädischen Fachzeitschriften und zusätzlich noch das Publikationsorgan der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft. Die in dieser Zeitschrift publizierten Beiträge sind alle peer-reviewed (von Fachgutachtern auf systematische Korrektheit überprüft) und bilden eine wichtige Säule in der Ausbildung zum Orthopäden.
Im Folgenden die englische Zusammenfassung und eine von mir übersetzte deutsche Version (keine Garantie für korrekte Übersetzung). Aufgrund urheberrechtlicher Gründe kann ich den Volltext leider nicht zur Verfügung stellen. Mit Ausnahme der eventuell subjektiven Übersetzung kommentiere ich diese Studie nicht und überlasse es dem Leser:
Quelle: Eur Spine J. 2011 Nov 8. [Epub ahead of print]
Titel: Efficacy of exercise therapy for the treatment of adolescent idiopathic scoliosis: a review of the literature.
Autoren: Mordecai SC, Dabke HV. / Aus Großbritannien
PURPOSE:
Current evidence regarding the use of exercise therapy in the treatment of adolescent idiopathic scoliosis (AIS) was assessed with a review of published literature.
METHODS:
An extensive literature search was carried out with commonly used medical databases. A total of 155 papers were identified out of which only 12 papers were deemed to be relevant.
RESULTS:
There were nine prospective cohort studies, two retrospective studies and one case series. All studies endorsed the role of exercise therapy in AIS but several shortcomings were identified-lack of clarity of patient recruitment and in the method of assessment of curve magnitude, poor record of compliance, and lack of outcome scores. Many studies reported "significant" changes in the Cobb angle after treatment, which were actually of small magnitude and did not take into account the reported inter or intra-observer error rate. All studies had poor statistical analysis and did not report whether the small improvements noted were maintained in the long term.
CONCLUSIONS:
This unbiased literature review has revealed poor quality evidence supporting the use of exercise therapy in the treatment of AIS. Well-designed randomised controlled studies are required to assess the role of exercise therapy in AIS.
Studienziel:
Es erfolgte eine Analyse der aktuell vorhandenen Datenlage hinsichtlich der Verwendung von speziellen Physiotherapiemethoden bei der idiopatischen Skoliose.
Methodik:
Die analysierten Publikationen wurden mit Hilfe der gängigsten Medizindatenbanken identifiziert. Insgesamt wurden von 155 herausgefilterten Studien 12 als relevant eingestuft und für die aktuelle Studie analysiert.
Ergebnisse:
Es fanden sich 9 prospektive und 2 retrospektive Studien sowie eine Fallserienbeschreibung. Alle Studien befassten sich mit der Rolle von speziellen Physiotherapiemethoden bei idiopathischer Skoliose aber es wurden diverse Studienmängel gefunden: Unklare Patienteneinschlusskriterien, Messung der Kurvenausprägung, schlechte Compliancedokumentation, mangelnde Ergebnissbewertung. Viele Studien sprachen von "signifikanten" Cobb-Winkeländerungen im Anschluss an die Therapie. Die Änderungen waren jedoch in Wahrheit nur sehr klein und berücksichtigten nicht die Messvariabilität / Messfehler. Alle Studien hatten eine schlechte statistische Auswertung und kommentierten nicht, ob kurzfristige Ergebnisse auch längerfristig hielten.
Schlussfolgerung:
Die vorliegende unabhängige Untersuchung fand eine qualitativ schlechte Datenlage für die verschiedenen Methoden der Physiotherapie bei der idiopathischen Skoliose. Gut geplante, kontrollierte Studien sind notwendig um die Rolle der Physiotherapie beurteilen zu können.
Da, wie ich ja bereits beim 10-jährigen SIF Treffen angemahnt habe, dieses Forum eine sehr wichtige und notwendige Plattform bildet, aber auch viel Verantwortung hat und auf objektiven Informationsaustausch achten sollte, hier ein kurzer Beitrag von mir.
In einigen Wochen/Monaten wird im European Spine Journal eine unabhängige wissenschaftliche Arbeit zu Physiotherapie (einschl. Schroth) publiziert. Das European Spine Journal ist eines der wichtigsten und qualitativ angesehensten orthopädischen Fachzeitschriften und zusätzlich noch das Publikationsorgan der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft. Die in dieser Zeitschrift publizierten Beiträge sind alle peer-reviewed (von Fachgutachtern auf systematische Korrektheit überprüft) und bilden eine wichtige Säule in der Ausbildung zum Orthopäden.
Im Folgenden die englische Zusammenfassung und eine von mir übersetzte deutsche Version (keine Garantie für korrekte Übersetzung). Aufgrund urheberrechtlicher Gründe kann ich den Volltext leider nicht zur Verfügung stellen. Mit Ausnahme der eventuell subjektiven Übersetzung kommentiere ich diese Studie nicht und überlasse es dem Leser:
Quelle: Eur Spine J. 2011 Nov 8. [Epub ahead of print]
Titel: Efficacy of exercise therapy for the treatment of adolescent idiopathic scoliosis: a review of the literature.
Autoren: Mordecai SC, Dabke HV. / Aus Großbritannien
PURPOSE:
Current evidence regarding the use of exercise therapy in the treatment of adolescent idiopathic scoliosis (AIS) was assessed with a review of published literature.
METHODS:
An extensive literature search was carried out with commonly used medical databases. A total of 155 papers were identified out of which only 12 papers were deemed to be relevant.
RESULTS:
There were nine prospective cohort studies, two retrospective studies and one case series. All studies endorsed the role of exercise therapy in AIS but several shortcomings were identified-lack of clarity of patient recruitment and in the method of assessment of curve magnitude, poor record of compliance, and lack of outcome scores. Many studies reported "significant" changes in the Cobb angle after treatment, which were actually of small magnitude and did not take into account the reported inter or intra-observer error rate. All studies had poor statistical analysis and did not report whether the small improvements noted were maintained in the long term.
CONCLUSIONS:
This unbiased literature review has revealed poor quality evidence supporting the use of exercise therapy in the treatment of AIS. Well-designed randomised controlled studies are required to assess the role of exercise therapy in AIS.
Studienziel:
Es erfolgte eine Analyse der aktuell vorhandenen Datenlage hinsichtlich der Verwendung von speziellen Physiotherapiemethoden bei der idiopatischen Skoliose.
Methodik:
Die analysierten Publikationen wurden mit Hilfe der gängigsten Medizindatenbanken identifiziert. Insgesamt wurden von 155 herausgefilterten Studien 12 als relevant eingestuft und für die aktuelle Studie analysiert.
Ergebnisse:
Es fanden sich 9 prospektive und 2 retrospektive Studien sowie eine Fallserienbeschreibung. Alle Studien befassten sich mit der Rolle von speziellen Physiotherapiemethoden bei idiopathischer Skoliose aber es wurden diverse Studienmängel gefunden: Unklare Patienteneinschlusskriterien, Messung der Kurvenausprägung, schlechte Compliancedokumentation, mangelnde Ergebnissbewertung. Viele Studien sprachen von "signifikanten" Cobb-Winkeländerungen im Anschluss an die Therapie. Die Änderungen waren jedoch in Wahrheit nur sehr klein und berücksichtigten nicht die Messvariabilität / Messfehler. Alle Studien hatten eine schlechte statistische Auswertung und kommentierten nicht, ob kurzfristige Ergebnisse auch längerfristig hielten.
Schlussfolgerung:
Die vorliegende unabhängige Untersuchung fand eine qualitativ schlechte Datenlage für die verschiedenen Methoden der Physiotherapie bei der idiopathischen Skoliose. Gut geplante, kontrollierte Studien sind notwendig um die Rolle der Physiotherapie beurteilen zu können.
Re: Chirurgisch dominierte Orthopädenausbildung?
hab nichts verstanden? 
-
Agrimon
- Vielschreiber

- Beiträge: 939
- Registriert: Sa, 09.07.2005 - 19:18
- Geschlecht: weiblich
- Diagnose: hochthorakale Kyphoskoliose bws 24 Grad, lws 29 Grad, 4bre mit Hyperlordose
- Therapie: Korsett von Rahmouni, laufen mit MBT Schuhen, Reha 30.10. bis 26.11.2013 Bad Salzungen, wegen Peritonitis Op 2017 Korsett abgesetzt, jetzt Lumbo Train Bandage, nächste Reha 2019 geplant
- Wohnort: Pfreimd
Re: Chirurgisch dominierte Orthopädenausbildung?
Hallo,
ich weiß es schon, ist aber auch nicht ganz einfach zu erklären.
Ich würde mich auch für eine Studie zur Verfügung stellen, wenn ich weiß, was ich da machen muss.
Gruß Agrimon
ich weiß es schon, ist aber auch nicht ganz einfach zu erklären.
Gruß Agrimon
bin eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht und noch Interesse für andere Dinge hat
Meine Skoliose-Geschichte: Meine Skoliose
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- SchwarzeSchnecke
- Vielschreiber

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- Registriert: Sa, 20.01.2007 - 22:40
- Geschlecht: weiblich
- Diagnose: Bindegewebsschwäche, Hypermobilität, Hyperkyphose, leichte sek. Skoliose 3b rechts, kissing spine disease (BWS), Bandscheibenprotrusionen; Depressionen
- Therapie: Rahmouni-Korsett 2007-2012, Gymnastik/ KG (diverse), Schwimmen
- Wohnort: Württemberg
Re: Chirurgisch dominierte Orthopädenausbildung?
Hallo,
Interessieren würde mich, wie sich Dr. Trobisch vorstellt, wie eine entsprechende ernstzunehmende Studie aussehen sollte.
VG, Anne
Das Wichtige steht in den letzten beiden Sätzen: Es gibt bei den verschiedenen Formen von Physiotherapie nicht ausreichend belastbare Belege für die Behauptung, daß sich damit eine deutliche und nachhaltige Besserung der idiopathischen Skoliose erreichen läßt.Kichwa hat geschrieben:hab nichts verstanden?
Interessieren würde mich, wie sich Dr. Trobisch vorstellt, wie eine entsprechende ernstzunehmende Studie aussehen sollte.
VG, Anne
Ausgewachsen und trotzdem korrigierendes Korsett? - Na klar!
Letzter Korsett-Thread: viewtopic.php?t=20971 • Reha in Bad Salzungen: viewtopic.php?f=9&t=10543 • Hypermobilität: viewtopic.php?f=4&t=21414
Ich habe dieses Forum verlassen.
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- J-Maria
- Vielschreiber

- Beiträge: 694
- Registriert: Do, 29.04.2004 - 09:10
- Geschlecht: weiblich
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Re: Chirurgisch dominierte Orthopädenausbildung?
Danke Dr. Trobisch, und danke Kichwa dafür, dass Du diesen Beitrag durch deine Nachfrage nach oben geschoben hast, ich hätt ihn fast übersehen.
Diese Studie sollten sich die zu Gemüte ziehen, die zukünftig wissenschaftliche Studien zu Skoliose & Physiotherapie planen. Es könnte in solchem Fall hilfreich sein, sich die Kritikpunkte genauer anzuschauen und ggf., wenn berechtigt, bei der Planung zukünftiger Studien, darauf einzugehen.
Ohne aber die Studie gelesen zu haben, kann ich mir schon vorstellen auf welche Punkte die Kritik abzielt. In den vergangenen Jahren habe ich mir als Laie einige solche Studien „zugemutet“. Natürlich kann ich als Nichtmediziner solche Studien nicht wissenschaftlich beurteilen, aber mir ist hin und wieder aufgefallen, dass wirklich langzeitige Beobachtungen und Ergebnisse fehlten. (Mein Antrieb sich die Sachen durchzulesen, war damals, dass ich nach fachlichen Informationen gesucht habe, die eine langfristige Prognose bei Anwendung der Physiotherapie für den Verlauf bei meiner Tochter hilfreich wären.)
Ich kann mir schon vorstellen, dass eine Studie die sich sehr intensiv mit dem Thema Skoliose und Physiotherapie beschäftigt, dem Anliegen der Physiotherapie dienlich wäre, wahrscheinlich auch den guten Einfluss auf die diesbezügliche Ausbildung der Orthopäden hätte, wie Dr. Trobisch hier andeutet. Bei so einer Studie gilt jedoch: je intensiver - je teurer, und damit sind wir beim Grund des Problems angelangt. Ich fürchte, dass solche Studien aus Kostengründen noch ausbleiben werden. Meiner Meinung nach, gibt es nur eine Sponsoren-Gruppe, die dafür in Frage kommt, – die Krankenkassen. Denn sie hätten hierzu das nötige finanzielle Interesse, was bei diesem Thema auch eine Rolle spielt. Derzeit sind die KK aber noch nicht reif dafür, der diesbezügliche Trend bewegt sich im Schneckentempo, so langsam, dass es nur mit einem sehr wohlwollenden Auge zu erkennen ist.
Ich bin jedoch überzeugt, dass der Stellenwert der Physiotherapie & Co. als Patientenversorgung in 20 Jahren besser da steht als heute. Skoliose-Patienten brauchen Physiotherapie und das gilt für alle: Patienten, die nicht operativ versorg sind und wo das nicht geplant wird sowie für Menschen, die eine Skoliose-OP hinter sich haben, aber auch als OP vorbereitende Maßnahme.
Diese Studie sollten sich die zu Gemüte ziehen, die zukünftig wissenschaftliche Studien zu Skoliose & Physiotherapie planen. Es könnte in solchem Fall hilfreich sein, sich die Kritikpunkte genauer anzuschauen und ggf., wenn berechtigt, bei der Planung zukünftiger Studien, darauf einzugehen.
Ohne aber die Studie gelesen zu haben, kann ich mir schon vorstellen auf welche Punkte die Kritik abzielt. In den vergangenen Jahren habe ich mir als Laie einige solche Studien „zugemutet“. Natürlich kann ich als Nichtmediziner solche Studien nicht wissenschaftlich beurteilen, aber mir ist hin und wieder aufgefallen, dass wirklich langzeitige Beobachtungen und Ergebnisse fehlten. (Mein Antrieb sich die Sachen durchzulesen, war damals, dass ich nach fachlichen Informationen gesucht habe, die eine langfristige Prognose bei Anwendung der Physiotherapie für den Verlauf bei meiner Tochter hilfreich wären.)
Ich kann mir schon vorstellen, dass eine Studie die sich sehr intensiv mit dem Thema Skoliose und Physiotherapie beschäftigt, dem Anliegen der Physiotherapie dienlich wäre, wahrscheinlich auch den guten Einfluss auf die diesbezügliche Ausbildung der Orthopäden hätte, wie Dr. Trobisch hier andeutet. Bei so einer Studie gilt jedoch: je intensiver - je teurer, und damit sind wir beim Grund des Problems angelangt. Ich fürchte, dass solche Studien aus Kostengründen noch ausbleiben werden. Meiner Meinung nach, gibt es nur eine Sponsoren-Gruppe, die dafür in Frage kommt, – die Krankenkassen. Denn sie hätten hierzu das nötige finanzielle Interesse, was bei diesem Thema auch eine Rolle spielt. Derzeit sind die KK aber noch nicht reif dafür, der diesbezügliche Trend bewegt sich im Schneckentempo, so langsam, dass es nur mit einem sehr wohlwollenden Auge zu erkennen ist.
Ich bin jedoch überzeugt, dass der Stellenwert der Physiotherapie & Co. als Patientenversorgung in 20 Jahren besser da steht als heute. Skoliose-Patienten brauchen Physiotherapie und das gilt für alle: Patienten, die nicht operativ versorg sind und wo das nicht geplant wird sowie für Menschen, die eine Skoliose-OP hinter sich haben, aber auch als OP vorbereitende Maßnahme.
