Bei mir hat sich die Skoliose ab einem Alter von etwa 18 leicht gezeigt und mit 19 immer mehr verstärkt, so dass sie zwar noch von Kleidung versteckt werden konnte, aber z.B. im Schwimmbad doch für jeden sehr gut sichtbar war. Ich hatte leichte Rückenschmerzen.
Bei einem niedergelassenen Orthopäden wurde ich im Liegen geröntgt. Dieser hat eine ca. 30°-Skoliose diagnostiziert und deshalb Krankengymnastik und Muskelstimulation per Elektrodengerät empfohlen. Ein Korsett wurde zwar in Erwägung gezogen, aber nicht empfohlen.
Um es kurz zu machen: Die Krankengymnastik war eine Art leichtes Kinderturnen ohne zielgerichteten Nutzen (das lag an der Krankengymnastin) und die Muskelstimulation per Elektroden auf den Lendenmuskeln war wohl auch nicht sehr effektiv. Die Skoliose ging nicht zurück.
Gott sei Dank bin ich einige Monate später dann in die Ambulanz einer Spezial-Orthopädieklinik gegangen, um mich noch einmal untersuchen zu lassen. Dort wurde ich im stehen geröntgt und eine 45°-Skoliose mit Torsion (Verdrehung) diagnostiziert - und zur Operation geraten. Ich war ziemlich geschockt, damit hatte ich nicht gerechnet (vielleicht mit Korsett). Aber ab 45° Verkrümmung sollte operiert werden. Die Ursache meiner Skoliose ist unbekannt.
Außerdem haben wir gelernt: Skoliosepatienten im STEHEN röntgen!
Also entschoss ich mich zur Operation. Ich ging in die Orthopädieklinik. Ich hatte meine Ausbildung gerade beendet und so bot es sich an, die Sache gleich „dazwischen zu schieben“.
1. Schritt: Es wurde eine sogenannte Halo-Extension (Halo=Ring) angebracht. Dabei wird unter Vollnarkose mit Hilfe von 4 Schrauben, ein Metallring am Schädel um den Stirnbereich angebracht, an dem wiederum über ein Rollensystem Gewichte angehängt werden, die die Wirbelsäule ziehen und strecken. Dadurch wird das Operationsrisiko verringert. Man sitzt damit nur noch im Rollstuhl oder liegt im Bett um über das Rollensystem über dem Kopf die Gewichte ziehen zu lassen. Diese Zeit war schmerzfrei und weniger belastend als es sich anhört, jedoch gaffen einen alle Krankenhausbesucher dumm an, weil sie noch nie einen Heiligenschein aus Metall gesehen haben.
Leider hat es der Arzt gut mit mir gemeint und die Halo-Extension etwas höher angebracht, damit ich die kleinen Narben der Schrauben nicht zu tief unten in der Stirn habe. Er hat die Schrauben etwas höher, genauer gesagt zu hoch angebracht. Dadurch ist die Halo-Extension eines abends ohne Vorzeichen schlagartig nach oben abgerissen und hat mir etwas größere Narben beschert, als eigentlich nötig - und Schmerzen hatte ich danach natürlich auch. Anschließend wurde die Halo-Extension wieder in Vollnarkose wieder an der gleichen Stelle angebracht. 1 Tag später hatte ich das Gefühl, das Ding zieht sich wieder ab. Der gerufene Arzt meinte zwar, das hält Zitat "bombenfest", aber kurz danach tat es einen Schlag und die Extension riss wieder ab. Ich wurde langsam verzweifelt und es wurde beschlossen die Halo-Extension etwas tiefer anzubringen. Wieder Vollnarkose. Diesmal hat es gehalten. Ich habe also jetzt 8 Narben, 4 große von den ausgerissenen Schrauben und 4 normale kleine. Die normalen kleinen sind übrigens wirklich klein, gut verheilt und nicht der Rede wert. Also keine Angst vor den Närbchen (wenn’s richtig gemacht wird). Die hinteren sind sowieso unter den Haaren nicht zu sehen.
2. Schritt: Operation. Man wendete die "ventralen Spondylodese nach Zielke" mit Eingriff von der linken Flankenseite an. Dazu waren 3 Professoren am Werk: Einer war Spezialist für Lunge, da man durch den Eingriff unter dem Rippenbogen "unter der Lunge" operieren musste. Einer war mein eigentlicher Operateur der mit dieser Methode noch keine große Erfahrung hatte und ein weiterer Professor war dabei, der die Operationsmethode in USA schon praktiziert hatte. Ich als Patient hatte den einfachsten Teil zu tun: man schläft dabei.
Es wurden 6 Lendenwirbel versteift. Dabei wurde eine Rippe entnommen und zu Zement vermahlen um als Zwischenraum für die entfernten Bandscheiben zu dienen. Die Operation dauerte ca. 4 Stunden. Hinweis: Die Methoden und Behandlungen können heute natürlich schon fortgeschrittener sein. Die Operation war ja schon 1985. Ich wurde im Alter von 21 Jahren operiert.
3. Schritt: Ich wurde nach der OP wie geplant in der Intensivstation 1 Tag überwacht und dann ins Krankenzimmer gebracht. Keine Schmerzen. Ich lag in einer Gipsschale wie auch noch die nächsten 12 Wochen. Die OP-Narbe war geklammert. Es war November/Dezember/Januar, so dass ich nicht in der Sommerhitze liegen musste. Als gewohnheitsmäßiger „auf-dem-Bauch-Schläfer“ fiel es mir nicht leicht, immer auf dem Rücken liegen zu müssen. Aber ich musste halt warten, bis meine Wirbelsäule gut zusammengewachsen und stabil wurde.
Ich lag nur in der Gipsschale und wurde 1 mal am Tag auf den Bauch gehoben (von 3 Personen) um nicht wund zu liegen. Die Zeit verlief langsam aber problemlos. Ich begann mit Krankengymnastik zum Aufbau der Muskulatur.
Um mich nach vielen Wochen wieder ans Stehen zu gewöhnen, wurde ich gegen Ende meines Krankenhausaufenthalts täglich auf einen sogenannten Tilt-Table geschnallt, mit dem man den Patienten aufrichtet - jeden Tag ein bisschen mehr, bis man die senkrechte Lage aushalten kann, ohne einen Kreislaufzusammenbruch oder einen Schwindelanfall zu bekommen.
Röntgenbilder zeigten eine gute Durchbauung der Wirbel und so wurde mir ein Gipskorsett angepasst, mit dem ich mich dann ins normale Leben stürzen konnte: nach insgesamt 14 Wochen Krankenhausaufenthalt durfte ich endlich nach Hause.
4. Schritt: Man trägt das Gipskorsett unter dem Pullover und man sieht damit aus wie ein Bodybuilder. Ich konnte mit dem Gipskorsett schon am normalen Privatleben teilnehmen. Dieses Gipskorsett trug ich noch mehrere Monate. Danach wurde es von einem leichten und sehr angenehmen abschnallbaren Kunststoffkorsett ersetzt, das ich nur tagsüber tragen musste. Ich sollte 12 Monate nach der OP wieder arbeiten dürfen.
Im letzten Monat meiner Krankenzeit wurde ich auf einen Kuraufenthalt geschickt, wo man natürlich keine Ahnung haben konnte, was man mit einem Skoliosepatienten nach einer ventralen Spondylodese nach Zielke machen soll und ich hatte dementsprechend wenig Anwendungen und viel Zeit zum Schachspielen und autogenem Training.
Ich war insgesamt 1 Jahr krankgeschrieben (ich habe eine überwiegend sitzende Tätigkeit).
Leider wurden mir nirgendwo Verhaltensregeln mit auf den Lebensweg gegeben. Ich muss also selbst überlegen, ob ich einen Getränkekasten oder Kühlschrank heben darf, wie ich die Rückenbelastung möglichst gering halte, wie ich rückenschonend von Liegen aufstehe, wann ich den Operationserfolg mal wieder nachschauen lassen soll, usw.
Ich habe dann eigentlich ein fast normales Leben geführt. Ich kann schwimmen, rennen, tanzen, Motorrad fahren, verreisen, kleine Kinder hochheben - nur beim Drehen des Kopfes nach hinten, z.B. beim Autofahren bin ich eingeschränkt. Ich achte natürlich auch darauf, nicht zu schwer zu heben, meine Wirbelsäule nicht zu stark zu drehen und vor allem: richtig zu heben (Knie beugen, nicht den Rücken). Ich verwende nur Koffer mit Rollen. Und wenn ich glaube, etwas ist zu schwer für mich, dann lass ich’s sein oder lass mir helfen. Allen Freunden und Kollegen habe ich von meiner Einschränkung erzählt und alle helfen gerne.
Nach 11 Jahren hab ich mich wieder im Krankenhaus vorgestellt und man hat Röntgenbilder gemacht. Es war alles OK. Bisher habe ich die Operation nicht bereut.
Ciao und alles Gute
Stefan