Bei einer Skoliose von 60° Cobb liegt schon eine gravierende Dysbalance (Unterschiede zwischen den rechten und den linken tiefliegenden Muskeln, die die Wirbelsäule stabilisieren und aufrichten, sogenannte autochtone Muskulatur) vor.
Immer wenn ein Mensch mit Skoliose sich bewusst aufrichtet und VERSUCHT sich gerade zu halten, strengt er/sie dabei unwillkürlich die jeweils schon stärkere Rückenmuskulatur an. Dadurch wird die "dickere" stärkere Muskulatur auf der Konkavseite (in der Krümmung) noch stärker. Kein Mensch kann bewusst diese autochtone Muskulatur so steuern, daß man mit den stärkeren und kürzeren Muskelgruppen schlapp und locker lässt, dafür aber gezielt die schwächeren konvexseitigen Muskeln anstrengt.
Deshalb ist Voitigieren, Dressurreiten, Ballet, Bodenturnen, sportliche/rythm. Gymnastik usw.... alles Sportarten bei denen man um gute Rückenhaltung "bemüht" ist für Skoliosen eher SCHÄDLICH!!!
Erst wenn jemand sehr gut Schroth kann und seine korrigierte Schroth-Haltung auch im Alltag und z.B. beim Sport und auf dem Pferd verinnerlicht hat, dann sind solche Sportarten wieder erlaubt.
Bei 60° und 13 Jahren ist auch UNBEDINGT ein GANZ HERVORRAGENDES KORSETT erforderlich!!!!
Das Korsett hat Pelotten (Druckpolster), die gewaltig auf die erhabenen Stellen des Körpers drücken und die Wirbelsäule zur Entdrehung und Aufrichtung zwingen.
Es hat aber auch Löcher und Hohlräume, in die sich die "eingedellten" Stellen (In der Schroth-Sprache: "Schwache Seite, Schwache Stelle" hineinbewegen, hineinatmen, dadurch ausdehnen und sich in diese "freie" Richtungen entwickeln sollen.
Ein wirksames Korsett sperrt die Richtung weitere Verkrümmung total, erlaubt und fördert aber Ausweichbewegungen des Körpers in die "Gerade" Richtung.
Dabei ist ein "Stilllegung" der einseitig zu stark gewordenen Muskulatur sogar erwünscht.
Das Korsett ist eine enorme Belastung und Anfangs teilweise eine grausame Quälerei.
Aber ein extrem hochkorrigierendes Korsett ist zusammen mit INTENSIVER Schroth-Therapie in einer MINDESTENS 4-5 wöchigen Reha in Bad Sobernheim für eine 60° Skoliose die einzige Chance die Skoliose zu stoppen und wieder UNTER die OP-Indikation (50°Cobb) zu kommen.
Die Chance eine vollig geraden Wirbelsäule ist zwar mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr drinn, aber mit einer Skoliose deutlich UNTER 50° kann man auch auf die OP verzichten, wenn man weiter fleißig Schrothet und die Wirbelsäule weiter pflegt ( z.B. eventuell Nachtkorsett, Ab und Zu Schroth Reha usw...) dafür bewahrt man sich eine unversteifte und bewegliche Wirbelsäule.
Schau mal dieses Beispiel an:
viewtopic.php?p=20339#20339
Die andere Alternative ist die OP. Abgesehen vom seltenen aber nicht zu leugnenden OP-Risiko muss auch ein operierte und versteifte WS lebenslang "gepflegt" werden. Es ist leider NICHT so, daß Operierte dann nichts mehr tun müssen. Diese müssen besonders den unversteiften Teil der WS besonders schonen und doch trainieren, da in diesen Bereichen dann die Steifheit des verknöcherten Teils der WS kompensiert wird und deshalb die Bandscheiben der unversteiften Bereiche beschleunigt (Früharthrosen) verschleißen. Der operierte, begradigte und verknöcherte Teil der WS hatt dann keine "Stoßdämpfer-Funktion" mehr (z.B. beim Reiten) dir übrigen Bandscheiben fangen die gesamte Stoß-Kompressionsdrücke ab.
Nach einer OP ist bis zur sicheren und stabilen Verknöcherung ca. 1 Jahr nach der OP) absolutes Reitverbot.
Für Korsett-Träger ist aber das reiten ( mit und Ohne Korsett)durchaus erlaubt.
Von der Uniklinik Münster sind uns bisher überhaupt keine guten oder gar sehr guten Korsett-versorgungen über 40° bekannt. Wie auch, wenn die eigenen Ärzte Korsette als "Augenwischerei" bezeichnen?
Gute Korsette in rel. "menschenfreundlicher" und minimalistischer Bauweise macht in NRW Herr Püttmann in Essen. Er arbeitet eng mit der dortigen Uniklinik zusammen, die aber (wie jede Uniklinik mit Skoliosen-Sprechstunde) bei 60° und 13 Jahren auch zur OP raten werden.
Der Orthopädietechniker der die meiste Erfahrung mit der Versorgung auch großer Skoliosen hhaben dürfte und der die größtmögliche OP-Vermeidungs-Erfolgswahrscheinlichkeit bieten könnte ( KEINE GARANTIE!) ist Rahmouni in Stuttgart. Bei ihm ist es keine Seltenheit daß 13 - 15-Jährige über 50°-60° noch relativ erfolgreich mit hochkorrigierenden Korsetten versorgt werden.
Diese sind dann aber ehrlich gesagt nicht mehr relativ menschenfreundlich und minimalistisch sondern eher "Skoliosefeindliche Power-Panzer"
Es sind aber nur solche brutalen Korrekturen von z.B. 60° auf "nur" 20° Cobb (wie es Fiara beschrieben hat) im Korsett, die eine solche progrediente Skoliose stoppen und einige Grad wieder gut machen können.
Es ist eine schwere Entscheidung.
Die OP ist irreversibel, führt aber schnell und mit rel. kurzfristiger Quälerei zu einer erstaunlich geraden Wirbelsäule.
Das Korsett ist besonders zu Anfang eine Schinderei, kann aber bei Patienten mit sehr hoher Compliance zu erstaunlichen Ergebnissen führen.
Und das Korsett in die Ecke schmeißen und sich doch noch operieren lassen, die Entscheidungsfreiheit hat man immer noch.
Deshalb würde ich persönlich erst mal dazu raten, es mit einem superguten Korsett und einer schnellstmöglichen Schroth-Reha zu versuchen.
Das Korsett hätte auch im Falle einer späteren OP den Vorteil, daß man dann sicher sein kann, wirklich alles Konservative zumindest versucht zu haben und sich deshalb in der OP-Entscheidung viel sicherer ist.
Ich hoffe ich konnte ein bischen Informieren und wünsche Deiner Tochter ganz viel Mut und Kraft, egal wie sie sich entscheidet!
Es ist am wichtigsten den freien Willen Deiner Tochter zu respektieren, sie aber in Bezug auf gute Information und vor allem mit LIEBE zu unterstützen.
Gruß Toni