Hallo Gaby,
Lego66 hat geschrieben:Raven hat geschrieben: unter "Korsett" wird meist nur Damenunterwäsche verstanden.
Jaja, und manchmal wird das Korsett von ahnungslosen Leuten auch als "Korsage" bezeichnet.

Die Meisten können sich darunter erstmal nichts vorstellen. Die denken an irgendeine Art Mieder und sind dann total geschockt wenn man zur Veranschaulichung mal draufklopft.
oder, bei Kindern und jüngeren Jugendlichen, noch mehr: Das Gegenüber denkt, es würde veralbert werden. Zehnjährige tragen eben keine einschnürende Damenunterwüsche.
Oder allenfalls noch der Gedanke "tja, da hat die echt ein Korsett drunter an... selber schuld, wenn sie etwas so Unbequemes anzieht" (da wird man schnell in die selbe Schublade gesteckt wie Schüler/innen, die mit ungeeigneter Kleidung zum Wandertag erscheinen, erst recht als Mädchen).
Lego66 hat geschrieben:Ich finde shoppen gehen mit Korsett ziemlich nervig. Man findet zwar selbst irgendwann raus was man tragen kann. Viel bleibt da ja meist nicht übrig, was sich zu probieren lohnt. Und dann kommt auch noch die etwas übereifrige Verkäuferin, die einem ständig transparente, knallenge oder dekoltierte Klamotten aufschwatzen will... ("Versuchen sie`s doch mal, das können sie bestimmt tragen. Sie sind doch soo schön schlank...".)
Das kenne ich auch. Ich trug zwischen meinem 10. und 13. Lebensjahr Korsetts. Ich war schlank, eher sogar dürr - das sah man auch an Armen, Beinen, Hals etc. Auch eher klein (zum Vergleich: als Erwachsene 1,60 m). Es war auch erkennbar, dass meine Hosen an den Beinen zu weit waren - na ja, um die Hüfte brauchte ich's, aufgrund des Korsetts. Meine Oberteile saßen auch seltsam. Dazu muss ich sagen, es war ein Korsett etwas breiterer Bauform, nicht sowas wie ein Rahmouni oder cctec-Korsett. Wobei natürlich auch mit einem modernen nicht alles passt.
Oft hieß es dann "so ein schmales Mädchen, warum trägt sie denn so weite Kleidung?" Gerade Verkäuferinnen kamen dann mit einem Kinder-T-Shirt oder mit Tops daher und verstanden nicht, warum ich das absolut nicht anziehen kann und es auch nicht "wenigstens mal probieren" möchte. Mich störte dann das Erklären, das auf Unverständnis stieß, und natürlich auch die vorgeführte Kleidung, die ich schon gerne getragen hätte. Ich kann mich auch an eine Verkäuferin erinnern, die nach dem Kontrollieren des Sitzes einer Hose irritiert zurückwich, da unweigerlich das Korsett zu merken war
In Bekleidungsgeschäften inkl. Schuhgeschäften bedient zu werden, vermeide ich übrigens.
Grund ist bei mir aber ein anderer: Ich mag eher praktische, robuste und schlichte Kleidung, und ich gehe zudem meist geplant einkaufen (einfach nur "mal shoppen gehen und gucken, was es Neues gibt" ist nicht mein Ding, ich bin da eher Pragmatiker vom Typ "meine Jacke ist kaputt und ich will eine möglichst ähnliche nachkaufen"

). Verkäuferinnen bringen mir häufig zu feminine und bunte Kleidung und wollen mich zu einem anderen Stil überreden (anstatt mal zu gucken, was ich denn gerade trage und daraus ihre Schlüsse zu ziehen

).
Ein "ich melde mich, falls ich was brauche" oder "ich schaue mich erstmal um" helfen da gut. Und falls ich echt eine Bitte habe - ob etwas z.B. in einer anderen Größe da ist - frage ich eben.
Doof ist auch, dass man egal wo man warten muss, geradezu
genötigt wird sich hinzusetzen.
"Setzen Sie sich doch." "Nein danke."
Zwei Minuten später kommt der Nächste: "Sie können sich auch gerne hinsetzen"
Man schüttelt lächelnd den Kopf.
Sekunden später der Nächste: "Nehmen Sie bitte solange im Wartebereich platz!"
"Ich möchte lieber stehen!"
Das kenne ich auch. Als Korsettträger und auch heutzutage mit der operativen Versteifung stehe ich lieber, anstatt auf niedrigen "bequemen" Stühlen Platz zu nehmen. Erst recht, wenn eine längere Anfahrt nötig war.
Was mich auch manchmal stört: Situationen in öffentlichen Verkehrsmitteln. Mit Korsett oder mit (langstreckiger) Versteifung kann man die typischen Fahrbewegungen von Bussen und Bahnen weniger gut abfangen. Ich brauche deshalb sicheren Halt mit Festhalten mit beiden Händen. Ich bewege mich auch nicht von der Stelle, eher das Fahrzeug nicht sicher steht. Viele Leute stehen schon knapp vor der Haltestelle auf, damit das Aussteigen schneller geht und verlangen das - man sieht mir auf den ersten Blick ja nichts an - auch von mir, "Ach, geh'n 'se schon mal vor", "Durchlassen bitte!"
So knapp bekomme ich dann auch nichts erklärt, und sage üblicherweise bloß "ich brauche sicheren Halt, tschuldigung, bin behindert!"
(Wegen "tschuldigung": Ich fühle mich zwar nicht dazu gezwungen, mich für meine Einschränkungen zu entschulden. Ich sage das bloß, damit wahrscheinlicher nicht nachgedrängelt wird. Ansonsten wirkt "behindert" eher nach Ausrede wenn einem nichts anzusehen ist, man jung ist, jünger aussieht als man ist.)
Und ganz blöde finde ich (seit ich Korsett mit Halsteil trage) dieses abgrundtief Mitleidige: "Unfall gehabt, hmmmm? Schleudertrauma, hmmmm? Jaaahhhh, ich hatte auch mal so ne Halskrause...."
Wo will man da anfangen zu erklären? Beim Metzger in der Schlange...? Gegenüber wildfremden Rentnern. Man kann ja auch nicht einfach gehen. Man will ja seine Würstchen mitnehmen... Es ist zum Verzweifeln. Und peinlich ohne Ende.
Das würde ich - es ist ja immerhin schon die kurze Situation eines Gesprächs - mit "Nein, kein Unfall. Meine Wirbelsäule ist schief/ das ist gegen Nackenschmerzen" begründen.
Eine ähnliche Situation kenne ich, falls mal jemand, der mich nicht schon besser kennt, meine OP-Narbe sieht. Die geht vom Nacken bis zum Steißbein. Sofern ich nicht extrem hochgeschlossene Oberteile trage, sieht man sie. Stört mich nicht, ich trage auch rückenfreie Tops (meine Einstellung: wenn mir warm ist, mag ich mich auch so kleiden). Da kam schon mal die Nachfrage, welcher Unfall das war - gerade so im Alter 16 bis Mitte 20, da wollten wohl manche eine coole Story hören. Ich sage dann üblicherweise "Nö, kein Unfall. Meine Wirbelsäule ist nicht gerade gewachsen, und man hat das mit einer OP in Ordnung gebracht."
Gegen Mitleid genauso wie gegen Leute, die offensichtlich bloß eine "coole Story" suchen, hilft meiner Erfahrung nach oft ein Lächeln, und kurz betonen, dass es hilft. Vielleicht in deiner Situation: "Hilft echt gut."
Ok, das waren jetzt keine konkreten Probleme von jugendlichen Korsetträgern... Aber es war lustig mal davon zu berichten.
Das mit der Kleidung aber auf jeden Fall
Das dürfte jeden insbesondere weiblichen Korsettträger betreffen, der ungefähr in das Alter kommt, in dem mal bisschen was figurbetonteres, knapperes, durchsichtigeres getragen wird. Und dürfte sogar Kinder betreffen - denke da an Tops, an der Hüfte schmale Kinderhosen etc.
Wie gesagt: Obige Dinge nerv(t)en mich schon mal, kann aber durchaus verstehen, wie es zu diesen Situationen kommt. Korsette und stärkere Wirbelsäulenfehlstellungen sind einfach sehr unbekannt, ihre korrekte Behandlung auch (ein paar Mal habe ich als Kind erlebt, dass ein Erwachsener sagte "ja, meine Wirbelsäule ist irgendwe auch krumm, ich soll dagegen schwimmen" und mein Korsett nicht ganz ernst nahm, er brauchte ja bloß schwimmen.... würde mich aber im Nachhinein nicht wundern, wenn diese Person doch eine behandlungsbedürftige Skoliose oder Hyperkyphose gehabt hätte und vielleicht sogar ebenfalls ein Korsett sinnvoll gewesen wäre).
Als Kind oder Jugendlicher ist man häufig die einzige Person mit Einschränkung in einer Gruppe (Schulklasse, Ausflugsgruppe, Verein); heutzutage durch Inklusion etwas weniger ausgeprägt, selbst war ich aber an allen (!) Schulen die ich besuchte die einzige Person mit dauerhaften/langfristigen Einschränkungen/Hilfsmitteln - die einzige mit Sportbefreiung, die einzige mit einer Orthese, und die einzige die wegen einer OP monatelang fehlte - , ansonsten gab es nur die üblichen Gipsbeine und kurzzeitigen Sportbefreiungen und kurzen Krankenhausaufenthalten a la "Blinddarm".
Kinder und Jugendliche, die Beschwerden vortäuschen, um einer unliebsamen Tätigkeit zu entgehen sind viel häufiger als solche, die diese tatsächlich haben.
Jugendliche, die im Bus im Weg stehen, sind einfach häufiger, als solche, die dringend sicheren Halt im Bus brauchen.
"Halskrause" ist geradezu das Sinnbild für Unfall. Narbe auch.
Mich hat übrigens genau diese Erfahrung dazu gebracht, Leuten im Zweifelsfall (wenn ich's nicht kontrollieren kann, wenn ich keinen weiteren Kontakt zu der Person habe) genannte Einschränkungen einfach zu glauben, auch wenn sie etwas seltsam wirken. Es gibt ja diverse Einschränkungen auch aus dem nichtorthopädischen Bereich, die auf Menschen, die diese nicht kennen, widersprüchlich und unglaubwürdig wirken.
Viele Grüße
Raven