Skoliose und körperliche Arbeit

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AnniundEnni
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Skoliose und körperliche Arbeit

Beitrag von AnniundEnni »

Hallo,

die Frage erscheint sicher ein bißchen komisch, da meine Tochter erst 12 ist :)

Aber sie besucht eine spezielle Schule mit Bauernhof als pädagogisches Konzept. Gerade die Mittelstufe arbeitet recht viel auf dem Feld und im Stall. Enni übernimmt von sich aus schon nicht die wirklich schweren Tätigkeiten, aber soll sie (i.M. noch ohne Korsett) gar nicht heben? Wie sieht es aus, wenn sie dann Korsett trägt?

Vielen Dank und viele Grüße

Anni
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Raven
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Re: Skoliose und körperliche Arbeit

Beitrag von Raven »

Hallo Anni,

so ungewöhnlich finde ich deine Frage gar nicht. Ich bin z.B. sehr ländlich aufgewachsen, da gehörte zur Gartenarbeit mehr als Blümchen pflücken ;) (Meine Eltern hatten in meiner Kindheit und Jugend Nutztierhaltung, sowie bzgl. Obst und Gemüse fast kein Zukauf, Mithilfe war da selbstverständlich.) Und auch Kinder, die weniger ländlich aufwachsen, machen z.B. Sport, toben, möchten altersgerechte Ausflüge und Freizeiten mitmachen etc., sodass sich die grundsätzliche Frage für fast alle stellen dürfte.

Zum Heben: Meist wird empfohlen, dass erwachsene Personen mit Skoliose - je nach Ausprägung, Beschwerden und Trainingszustand - nicht mehr als ca. 5 - 10 kg heben sollten. Das bedeutet nicht, dass jegliches schwereres Heben sofort schädlich ist; Beruf oder Hobby, bei dem schwereres Heben häufiger vorkommt, sollten jedoch vermieden werden. Es kommt auch stark auf das "wie" des Hebens an.

Zum Korsett:
Auch mit Korsett kann man sich körperlich betätigen. Bestimmte Tätigkeiten werden erschwert, z.B. bodennahes Arbeiten (konkretes Beispiel etwa Fallobst ohne Rechen auflesen, Unkraut jäten, etwas mit Lappen ohne Schrubber aufwischen etc.). In einem Korsett schwitzt man üblicherweise auch mehr. Weil sich nicht jede beliebige Körperhaltung im Korsett einnehmen lässt, ist man oft etwas langsamer oder weniger ausdauernd (stelle dir z.B. vor, du gehst in die Hocke um Pflanzen zu setzen - musst du den Oberkörper gerade halten und kannst die Schultern weniger bewegen, strengt das schon mehr an). Aber dennoch kann man auch mit einem Korsett aktiv sein: der Körper gewöhnt sich durchaus an die Einschränkungen, sodass man sie mit der Zeit besser kompensieren kann. Und es gibt auch im Bereich "Land, Hof, Hauswirtschaft" einiges, das man im Sitzen, Stehen etc. machen kann. Schwierig sind tendenziell so "Zwischen-Haltungen" wie halb in Hocke, halb gebückt, oder im Stehen vornüber gebeugt etc.
Auch wenn vermutlich viel möglich sein wird, wird gerade anfangs mit Korsett etliches mühsamer und langsamer gehen, manches auch dauerhaft.
Vermieden werden sollten übrigens - egal ob mit oder ohne Korsett - häufige einseitige Belastungen. An Sport wäre das z.B häufiges Tennis- oder Badmintonspielen (man hält den Schläger immer in der selben Hand und holt Schwung...), und dazu gehört z.B. auch, häufig mit der selben Seite ein Werkzeug zu benutzen, das man asymmetrisch hält, z.B. immer nach einer Seite gedreht fegen, schaufeln etc.

Inwieweit nimmt die Schule Rücksicht auf Schüler mit nicht ganz so offensichtlichen körperlichen Einschränkungen, wenn z.B. manche Arbeiten nicht möglich sind oder langsamer, mit anderen Bewegungsabläufen oder nur mit mehr Pausen erfolgen? Manche Lehrer bekommen das, meiner Erfahrung nach, gut auf die Reihe (jedenfalls nach Erklärung) :top: , für andere sind Einschränkungen mit "nicht sollen", "braucht länger", "nicht zu viel/schwer" weniger akzeptiert, da man es ja "irgendwie" könnte :flop:

Eine Betätigung, die grundsätzlich möglich ist, nicht zu Beschwerden führt, bei Bedarf reduzierbar ist und anderweitig positiv ist (z.B.: Freude macht, einen therapeutischen Effekt hat, Bewegung in den Alltag bringt) würde ich persönlich nicht "abschaffen" oder "verbieten". Die wirklich belastenden Elemente der Betätigung rausnehmen, viel dort ansetzen wo eine Veränderung ohne Verzicht möglich ist (z.B. besserer Schreibtisch und Schreibtischstuhl, doppelter Satz Schulbücher/Materialien um sie nicht tragen zu müssen), auch mal etwas "durchgehen" lassen das momentan nicht so positiv ist (z.B.: doch mal eine Runde Badminton mit Freunden, mal das Korsett einen Tag nicht zu tragen um einen Ausflug besser mitzumachen), dafür aber psychisch gut tut (gefühlt: man muss nicht alles wegen Skoliose aufgeben) und das Beibehalten (Compliance) der Korsetttherapie und Physiotherapie fördert, halte ich für wichtiger.

Viele Grüße
Raven
Zuletzt geändert von Raven am Di, 22.09.2015 - 14:50, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Skoliose und körperliche Arbeit

Beitrag von AnniundEnni »

Vielen Dank, Raven.

Die Mitarbeit in dieser Schule ist deiner Kindheit ziemlich ähnlich. :)

Bei den Lehrern ist sehr viel Bereitschaft vorhanden, auf die einzelnen Schüler einzugehen. Es handelt sich um eine heilpädagogische Waldorfschule mit 2 Stunden Hofarbeit pro Tag. Aber sie brauchen Hintergrundwissen, wie du es oben aufgeschrieben hast, um Ennis Weigerung richtig einschätzen zu können (sie hat sich auch vor der Skoliose schon gerne geweigert, abzutrocknen etc.). Wir werden also mit dem Bauern besprechen, welche Tätigkeiten sie überhaupt machen soll, bezüglich heben, bücken, Arbeitshaltung etc.

Denn sie einfach komplett von den Hofstunden zu befreien, halte ich für ungünstig (Stichworte: Üben der Grob- und Feinmotorik, Handlungsplanung, Durchhalten, Erfolgserlebnisse ...)

Liebe Grüße
Anni
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Raven
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Re: Skoliose und körperliche Arbeit

Beitrag von Raven »

Hallo Anni,
AnniundEnni hat geschrieben:Denn sie einfach komplett von den Hofstunden zu befreien, halte ich für ungünstig (Stichworte: Üben der Grob- und Feinmotorik, Handlungsplanung, Durchhalten, Erfolgserlebnisse ...)
der Meinung bin ich auch. Skoliose bedeutet zwar, dass man auf einiges achten muss, aber nicht, dass man sich nie anstrengen darf oder soll. Rücksichtnahme ist wichtig, "in Watte packen" oder verbieten falsch. Auch eine Schulsportbefreiung wird heutzutage bei Skoliose zumeist nicht mehr als sinnvoll angesehen, sondern stattdessen eine Befreiung von belastenden Übungen und/oder ein Aussetzen der Benotung bei bestimmten Sportarten.
Die Stichworte, die du nennst, sind ja auch für die Skoliosetherapie selbst wichtig, abgesehen davon, dass sie einfach so fürs Leben wichtig sind und bei Autismus sowieso oft mehr an Arbeit erfordern (kenne mich da durchaus aus, Kontakt zu Menschen mit verschiedenen Autismusformen, selbstbetroffen, aber Asperger-Autismus).

Viele Grüße
Raven
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Re: Skoliose und körperliche Arbeit

Beitrag von AnniundEnni »

:hallo: Raven

Ich bin auch Asperger-Autistin und meine Tochter hat Kanner.

:halloatall:

Anni
Soan
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Re: Skoliose und körperliche Arbeit

Beitrag von Soan »

Hey,
Raven hat geschrieben:Zum Heben: Meist wird empfohlen, dass erwachsene Personen mit Skoliose - je nach Ausprägung, Beschwerden und Trainingszustand - nicht mehr als ca. 5 - 10 kg heben sollten.
Ist das tatsächlich so? Wird davon ausgegangen, dass sich die Skoliose ansonsten verschlechtert? Weißt du ob es dazu Studien gibt?

LG Soan
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Raven
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Re: Skoliose und körperliche Arbeit

Beitrag von Raven »

Hallo Soan,
Soan hat geschrieben:Hey,
Raven hat geschrieben:Zum Heben: Meist wird empfohlen, dass erwachsene Personen mit Skoliose - je nach Ausprägung, Beschwerden und Trainingszustand - nicht mehr als ca. 5 - 10 kg heben sollten.
Ist das tatsächlich so? Wird davon ausgegangen, dass sich die Skoliose ansonsten verschlechtert? Weißt du ob es dazu Studien gibt?

LG Soan
dass du an Studien interessiert bist, kann ich verstehen - ich habe auch gesucht, leider nichts gefunden, und mich deshalb eher vage ausgedrückt und die meistgenannte Empfehlung geschrieben.
Schwierig dürfte es sein, überhaupt eine Kausalität zwischen Heben und Verschlechterung herzustellen (sofern es nicht um Ausnahmefälle besonders schwerer Belastung geht). Sicherlich wird auch nicht ein gelegentliches etwas schwereres Heben zu einer sofortigen Verschlechterung führen (würde da auch keine "Panik schieben", dass gleich "etwas passiert" wenn man mal schwerer hebt).
Plausibel erscheint es mir aber, dass eine skoliotische Wirbelsäule Belastungen nicht so gut abfangen kann wie eine normal geformte, und auch, dass es mit einem Korsett schwierig ist, in gute Hebe- und Haltepositionen zu kommen.

Selbst halte ich - langstreckige operative Versteifung seit dem 13. Lebensjahr, sehr geringe Restkrümmung - es übrigens so: nach Möglichkeit in die Hocke gehen und aus den Knien heben, Dauertragegewichte reduzieren (Arbeitstasche nur mit dem bepacken was ich unbedingt brauche, zu Schulzeiten doppelter Büchersatz, Benutzung eines Trolleys* für Einkäufe, immer Rollkoffer statt Rucksack für Reisen), abgebbare schwere Hebe- und Tragetätigkeiten anderen überlassen (ich werde sicherlich nicht bei einem Vereinsfest die Bierbänke rausschleppen und aufbauen...), wenn ich es möchte oder wenn nötig so schwer heben wie ich es schaffe (ich muss nicht "Panik schieben dass gleich was passiert" wenn ich mal kurz das Kind einer Freundin hochnehme oder doch mal einen Koffer über ein paar Stufen heben muss).

*zu Trolleys: Die Meinung dazu ist etwas zwiespältig. Die Benutzung eines Trolleys führt häufig zu einer langanhaltenden Rotation des Oberkörpers, was bei Skoliose vermieden werden sollte. Für mich finde ich die Benutzung eines Trolleys jedoch sehr hilfreich, da ich mich durch die Versteifung sowieso kaum verdrehen kann und ich zudem sehr auf eine entsprechende Haltung achte, bei der der Arm beim Ziehen neben der Hüfte bleibt. Bei der Benutzung einer Tasche zum Tragen, oder eines Rucksacks muss ich schon bei geringen Tragegewichten, die unter denen eines üblichen Einkaufs oder Reisegepäcks liegen, eine Haltung einnehmen die rasch zu starken Schmerzen führt. Ich reise viel, und kann meine Einkäufe nur zu Fuß/ per öffentliche Verkehrsmittel erledigen.

Viele Grüße
Raven
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