Willkommen im Forum!
flashman hat geschrieben:bräuchte informationen zur therapiestrasse der skoliose
Schön daß sich Sport-Studis auch mit so was auseinander setzen, aber ehrlichgesagt, kann ich mit dieser Gliederung jetzt nicht sooo viel anfangen. Ich würde sogar sagen, daß es die in der Form bei Skoliose-Patienten garnicht geben darf.
Ich versuche mal ein Paar Grundregeln zu erklären (wird jetzt etwas länger

).
dehnübungen in den einzelnen phasen der therapie zukommen lassen?1phase(automobilisation)
Grundsätzlich sind Dehnübungen, bis auf eine einzige, das Strecken der WS, bei Skoliose verboten.
Das aus folgendem Grund: Eine Skoliose besteht immer aus mehreren Bögen, so daß es auf beiden Seiten sowohl verkürzte als auch überdehnte Muskelgruppen gibt. Führt man eine einseitige Dehnübung aus, werden jeweils immer die ohnehin schon überdehnten Muskelgruppen vermehrt gedehnt.
Gleiches gilt auch für die Rotation. KEINE Rotation des Oberkörpers, da die Wirbelsäule in verschiedene Richtungen rotiert (die Dornfortsätze immer zur bogeninneren Seite). Wird eine Rotation des Oberkörpers durchgeführt, so führt ein Skoliotiker diese vermehrt durch eine Verstärkung der bereits bestehenden Rotation aus und weniger durch Derotation, wie das eigentlich gewollt wäre.
Generell darf Mobilisation bei Skoliose nur in eine einzige Richtung stattfinden, in Korrekturrichtung.
Wichtig dabei ist, daß alle Bögen und die Rotationen gleichzeitig korrigiert werden. Kein Bogen darf auf Kosten der Korrektur eines anderen vergrößert werden. Dies ist besonders wichtig, da alle Bögen in einem Gleichgewicht zueinander stehen. Die Korrektur eines einzelnen Bogens bringt nichts, wenn die darüber und darunter liegenden Bögen nicht auch korrigiert werden, weil sonst der Körper beim Wiederherstellen eines Gleichgewichts gezwungen ist, die Ursprungskrümmung wiederherzustellen.
Grundregel dabei ist, daß während einer Übung der Oberkröper niemals an Länge verlieren darf (wie z.B. bei einer Seitneigung), er muss durch gleichzeitige Korrektur aller Bögen grundsätzlich an Länge gewinnen.
Skoliosen sind auch nicht nur im Wachstumsalter progredient, sie schreiten ab einer gewissen Stärke und einer gewissen Rotation auch im Erwachsenenalter fort.
Hier z.B. eine Studie über die Progredienz von unbehandelten Skoliosen im Erwachsenenalter:
http://skoliose.net/forum/viewtopic.php?t=1854
Ein wichtiger Faktor dabei spielt auch die Mobilität der Wirbelsäule. Eine mobile oder hypermobile WS tendiert sehr viel stärker zu einer Verschlechterung als eine rigide, steife WS.
Also KEINE Mobilisation!!!!
2phase(anbahnung,propriozeption,koordination)3phase(ausdauer,kraftausdauer)4phase(muskelhypertrophie)5phase(umsetzung)6phase(spezialisierung)
Hä???
Bei der Auswahl der Übungen ist darauf zu achten, daß es hauptsächlich ziehende Übungen sind, bei denen die Wirbelsäule gestreckt wird. Keine stemmenden Übungen, bei denen Druck von oben auf die Wirbelsäule kommt, weil dieser die WS eines Skoliotikers wie eine Ziehharmonika zusammendrücken würde.
Problematisch je nach Skoliosetyp können auch Hyperextensionen sein. Besonders wenn die Krümmung unten liegt und ein Lendenwulst besteht. Dabei kann es dazu kommen, daß der Lendenwulst vermehrt anspannt und die Wirbelsäule dadurch noch mehr in die Krümmung und Rotation gezogen wird. Bei Hyperextensionen mit Gewichten wirken die Gewichte je nach Position teils auch stauchend auf die untere Krümmung.
Was die "Koordination" angeht, die ist von Skoliose zu Skoliose verschieden. Das gelbe Buch oben links versucht sie zu erklären, es ist allerdings eine so komplizierte Sache, daß man sie effektiv nur während einer Reha nach Schroth erlernen kann. Vorher empfielt es sich bei einer richtig ausgeprägten Skoliose u.U. garkein Krafttraining zu machen, weil man dabei viel zu viel falsch machen kann, und sich dabei mehr schaden zufügen kann, als daß es einem nutzt.
Grob sieht das ganze so aus (für eine sog. Double Major Skoliose, mit 2 Hauptkrümmungsbögen im Lenden- und Brustwirbelsäulenbereich sowie zwei Ausgleichskrümmungen im Becken und Schultergürtelbereich):
[equote=""]
Zunächst wird eine korrigierte Ausgangsposition eingenommen.
Das beginnt unten bei den Füßen, dann folgen die Beckenkorrekturen wie z.B. das Anheben des oberen Beckenrandes gegen Hohlkreuz, das Hereinraffen einer eventuell herausstehenden Hüfte und das Entdrehen der Hüfte.
Es folgt die Begradigung und Entdrehung des darüberliegenden Lendenblocks, der einen Gegenbogen enthält, in genau umgekehrter Richtung. Dabei wird der Lendenwulst (ein stark ausgeprägter Muskelstrang der sich auf der konvexen Seite des Bogens befindet) hereingerafft, d.h. angespannt, so daß er sich verkleinert und der Lendenbogen zur Mitte rückt. "Raffrichtung" wäre vorwärts aufwärts und nach innen.
Der darüber ligende BWS-Block enthält wiederum einen Bogen, der sich genau umgekehrt verhält wie der im LWS-Bereich. Dieser muss wieder in umgekehrter Richtung korrigiert werden. Die Zwichenrippenmuskeln des Rippenbuckels, der sich hinten auf konvexer Seite des Bogens befindet, werden dabei angespannt, so daß die Rippen - wie beim Lendenwulst auch - nach vorwärts aufwärts und nach innen wandern und der Bogen dabei begradigt und entdreht wird.
Der Schultergürtel enthält wieder einen Bogen in die andere Richtung. Dieser Bogen wird durch einen Zug des Armes auf der Bogen inneren Seite (die Seite auf der sich auch der Rippenbuckel befindet) nach außen korrigiert.
Die Schulter oberhalb des Rippenbuckels hängt nach vorne. Diese wird durch eine Drehung des Armes nach hinten korrigiert, wobei das Schulterblatt über dem Rippenbuckel an die Rippen herangeholt wird. Dadurch entsteht über einen Hebelarm dann auch noch zusätzliche Korrektur des Rippenbuckels.
Die andere Schulter steht zu weit hinten. Trotzdem kann hier die Korrekur nicht auf gleiche Weise stattfinden wie bei der Schulter oberhalb des Rippenbuckels, weil man vorne kein Schulterblatt hat und dadurch der Hebelarm fehlt. Das heißt der Arm darf nicht nach vorne gedreht werden, sonder die komplette Schulter muss nach vorne genommen werden, und gleichzeitig seitlich herausgezogen werden, jeodch nicht so stark wie der Arm auf der gegenüberliegenden Seite, der den Bogen zur Mitte rücken soll.
Zum Schluß folgt dann die Korrektur des Kopfes. Viele Skoliosen haben einen Schiefhals, das heißt der Kopf muss gerade gehalten oder leicht zur anderen Seite geneigt werden sowie ein wenig entdreht.
Wenn diese Korrekturen dann erfolgt sind, wird begonnen die Wirbelsäule aktiv zu strecken und gezielt in die eingefallenen Stellen des Oberkörpers einuzatmen, welche da wären die Taille gegenüber des Lendenwulstes, das Rippental hinten auf der gegenüberliegenden Seite des Rippenbuckels sowie vorne auf der gleichen Seite des Rippenbuckels die eingefallene Brust.
Die Lenkung des Atems in diese eingefallenen Stellen erfolgt dadurch, daß alle übrigen Bereiche angespannt werden. Das heißt z.B. für die eingefallene Taille daß das Zwerchfell gesenkt wird, dabei jedoch die Bauchmuskeln und die Muskeln des Lendenwulstes angespannt bleiben, so daß der notwendig werdende Platz für die inneren Organe nur durch Weitung der eingefallenen Taille geschaffen werden kann.
Ähnlich sieht es im Brustkorbberreich aus. Die Zwischenrippenmuskeln der herausstehenden Rippen werden angespannt, so daß sich nur die Rippen der eingefallenen Bereiche weiten können.
Die Atmung in diese eingefallenen Stellen ist wichtig, um die Knochen und die Muskulatur in die richtige Position zu bringen. Ansonsten trainiert man bei der anschließenden Anspannungsphase die falsche Muskulatur.
Wenn das alles passiert ist, können die Muskeln angespannt werden und das Korrekturergebnis gefestigt werden. Dabei wird dann langsam ausgeatmet.[/equote]
Du siehst, daß die Koordination im Detail sehr komopliziert ist und man benötigt sehr viel Übung dafür.
Vom Prinzip her wird versucht die äußerlich sichtbaren Folgen der skoliotisch verkrümmten Wirbelsäule (heraustehende Hüfte, Lendenwulst, Rippenbuckel ect.) auszugleichen und in dieser korrigierten, geraderen Position zu trainieren, um dadurch auf die Wirbelsäulenform positiv Einfluß zu nehmen. Außerdem braucht man auch einige Zeit um die korrigierte Position erst mal einzunehmen. Die Wiederholungszahl und der Atemrhytmus ist daher sehr gering.
Wenn Du z.B. Krafttraining mit Geräten machst, dann läuft das alles viel zu schnell ab, als daß Du dabei all die notwendigen Korrekturen beachten könntest.
Außerdem ist Krafttraining mit Geräten und die meisten gymnastischen Übungen auch mit Bewegungen der Extremitäten verbunden. Das bringt noch mal eine zusätzliche Schwierigkeit hinzu, nämlich daß es dich vom wesentlichen ablenkt.
Die oben aufgeführten Korrekturen müssen alle gleichzeitig durchgeführt und gehalten werden, das ist eine ganze Menge Zeugs und es erfordert sehr viel Konzentration, andernfalls verliert man die Korrekturen und man trainiert die falsche, skoliotisch sowieso schon begünstigte Muskulatur.
Deshalb ist es optimaler eine statische Spannung, zum Beispiel durch Zug an einer festen Sprosse oder durch Druck von Stäben in den Boden, zu erzeugen.
Krafttraining oder allgemeine gymnastische Übungen sind also eigentlich nicht besonders gut zur Skoliose-Therpie geeignet. Es hat nur den Vorteil, daß es mehr Spaß macht und abwechslungsreicher ist. Was aber den Therpie-Effekt angeht, der dürfte selbst wenn man es richtig macht, verglichen mit der oben beschriebenen "Schroth-Methode" eher gering sein.
Man merkt die Unterscheide auch ganz deutlich am Muskelkater. Nach einer intensiven "Schroth-Session" spürt man deutlich seine Rückenmuskeln. Beim Krafttraining - trotz dem man viel mehr Gewichte gezogen, also effektiv viel mehr Arbeit geleistet hat - kommt leztendlich nicht mehr viel im Rücken an, man trainiert die Extremitäten, die es eigentlich nur bedingt nötig haben, viel mehr.
Um was es also eigentlich nur gehen kann wäre bei einer Trainingsstraße die schädlichen Übungen herauszufischen:
Das wären also alle einseitig ausgeführten Übungen, wie z.B. Seitneigung und Rotation sowie einseitige Dehnungsübungen (das sind praktisch alle). Alles was mobilisiert, ist verboten, weil dies zu verstärkter Progredienz führen kann. Ziehende Übungen, die die Wirbelsäule strecken sind zu bevorzugen, stemmende Übungen die die WS stauchenden müssen vermeiden werden. Allgemein sollten die Übungen stabilisierend wirken und wenig Bewegung des Oberkörpers beeinhalten.
Sehr wichtig ist Bauchmuskeltraining, hauptsächlich jedoch symmetrisch. Die schräge Bauchmuskulatur kann nur bedingt trainiert werden, mit Übungen, bei denen der Oberkörper nicht oder nur kaum gedreht wird (wegen Gefahr der Verstärkung der Rotation und Entstehung von Wirbelblockaden).
Ansonsten gelten die selben Regeln für rückengerechtes Training, die auch bei allen anderen gesunden Personen gelten.
Kritikpunkt daran mag sicherlich sein, daß bei einem geraden Menschen die Wirbelsäule mobilisiert und der Rücken auch in Bewegung gestärkt werden sollte, weil Bewegungen einfach ein Teil unseres Alltags sind und nicht zu vermeiden.
Das wäre sicherlich auch für einen Skoliotiker vorzuziehen, praktisch ist es aber einfach nicht durchführbar, ohne daß man die Skoliose dabei noch mehr begünstigt. Auch die normalen einseitigen Bewegungen im Alltag sind skolioseförderlich. Skoliotiker sind diesbezüglich also eine Ausnahme.
Ich kann Dir nur empfehlen, Dir mal das gelbe Buch da oben zu besorgen, dort ist ausführlich dargestellt, was an Übungen alles falsch und was richtig ist bei Skoliose.
Ansonsten könnte ich dir höchstens noch aufzählen welche normalen, nicht skoliosespezifischen Krafttrainings- und Gymnastikübungen ich im Fitnesstudio mache oder machen würde. Ganzheitlich nach den klassischen Prinzipien kann es aber aus oben genannten Gründen (der Gefahr einer Verschlechterung) nicht sein.
Gruß,
BZebra