Maja 19 hat geschrieben:Ich habe demnächst einen termin mit einem Orthopäden, den ich zum Thema ärztliche Kompetenz und Beratung im Fall von Skoliose befragen muss.
Es geht dabei um eine Hausarbeit für die Uni.
Und da wollte ich euch fragen, ob euch vielleicht ein paar Dinge einfallen, die wichtig wären zu fragen?
Bei der ganzen "ärztlichen Kompetenz Sache" ist das Hauptproblem, dass für eine gute Behandlungsplanung sehr viel Fachwissen und Erfahrung notwendig ist. Es ist absurd zu erwarten, dass jeder Orthopäde so viel Zeit in die eigene Informationssammlung zum Gebiet der Skoliose-Behandlung investieren wird oder kann, so dass er dazu am Ende in der Lage ist. Hierfür wird er im Rahmen seiner 5 bis 10 Skoliose-Patienten, die er alle viertel Jahr mal 5 Minuten begutachtet und sonst nur Rezepte ausstellt auch einfach nicht bezahlt. Man kann keine Dienstleistung umsonst erwarten.
Praktikable ärztliche Kompetenz wäre an dieser Stelle die Diagnose einer Skoliose und das Feststellen der Schwere bzw. der Gradzahl sowie das Einordnen in eine von zwei Kategorien:
1.) Nur Beobachtung und/oder zusätzlich ambulante Physiotherapie bei kleinen Skoliosen oder skoliotischen Fehlhaltungen
2.) Überweisung zum Spezialisten bei jeder behandlungsbedürftigen Skoliose
Bereits die Korsett-Versorgung durch einen normalen Orthopäden wird in der Regel in die Hose gehen, weil zur Auswahl einer geeigneten Orthopädietechnik ein Spezialist notwendig ist, der dann auch die Qualität des Korsettes beurteilt und kontrolliert, eine Empfehlung für tägliche Tragezeiten machen kann und über Beginn und Ende der Therapie entscheidet.
All das erfordert sehr viel praktische Erfahrung am Patienten und kann nur bei Ärzten gegeben sein, die in auf Skoliose-Behandlung spezialisierten Zentren arbeiten.
In der Korsett-Therapie sieht es zum Beispiel derzeit so aus, dass die erfolgreichen Orthopädietechniker diese Kompetenzen, die eigentlich den Ärzten zugeordnet sind, selbst übernehmen müssen, da sie oftmals die einzigen sind, die auf genügend Erfahrung mit Skoliose-Patienten zurück greifen können.
Das A und O einer guten ärztlichen Betreuung durch niedergelassene Orthopäden ist also sicher die eigenen Grenzen erkennen zu können und den Patienten wenn er behandelt werden muss an Spezialisten weiter zu überweisen.
Entscheidend ist hier, nach welchen (persönlichen) Leitlinien er dabei vorgeht, wenn es darum geht, zu entscheiden, wohin der Patient überweisen wird oder welche Behandlung veschrieben werden soll.
Es gibt z.B. diese Leitlinie
http://www.uni-duesseldorf.de/awmf/ll/033-025.htm, die mit ihren Ratschlägen zur Therapie so grob, undifferenziert und alle nur denkbaren Therapieformen enthält, dass allein damit kein erfolgversprechendes Ergebnis zu erwarten ist.
Eine für den niedergelassenen Orthopäden wesentlich hilfreichere Leitlinie wären zum Beispiel die SOSORT Guidelines
http://www.scoliosisjournal.com/content ... 61-1-5.pdf die entscheidend nach Gradzahl sowie Verschlechterungswahrscheinlichkeit die verschiedenen weiteren Behanldungsschritte empfehlen, z.B. für alle Patienten im Korsett-Indikationsbereich auch eine Intensivrehabilitation, so dass die Patienten dort von kompetentem Personal betreut werden können und ein ordentlicher Behandlungsplan mit Qualitätskontrolle erstellt werden kann sowie die notwendige Patientenaufklärung vorgenommen werden kann.
Ein wichtiger Faktor, der auch so gut wie gar nicht berücksichtigt wird, ist, dass es sich bei der Skoliose-Behandlung um eine Therapie handelt, in der eine gute allgemeine Patientenaufklärung von Nöten ist. Zu einer kompetenten Erstberatung müsste also dazu gehören, den Patienten darauf aufmerksam zu machen, dass es notwendig ist sich zusätzlich noch selbst über das Thema zu belesen. Patienteninformation gehört heute, und besonders bei so selten auftretenden Dingen wie Skoliose, dringend dazu, und ist deswegen auch einer der wichtigsten Therapiebestandteile während einer Skoliose-Rehabilitation nach Schroth.